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2025: Beängstigende Aussichten einer sich erwärmenden Arktis

Dr. Irene Quaile-Kersken 30. Januar 2025 | Arktis, Gastartikel
Eisberge in Ostgrönland. Foto: Julia Hager

US-Präsident Trump verlässt das Pariser Abkommen, nimmt Grönland ins Visier – China und Russland lassen in der Arktis ihre Muskeln spielen – während der Klimawandel den eisigen Norden neu definiert. Geschäftsboom oder globale Klimakatastrophe?

Die Landmasse der europäischen Arktis ist nach wie vor die Region der Erde, die sich am schnellsten erwärmt. Veränderungen der atmosphärischen Zirkulation führen zu häufigeren Hitzewellen im Sommer. Gletscher schmelzen. Das sind Ergebnisse des Copernicus Global Climate Highlights Report 2024, des Jahresberichts des satellitengestützten Erdbeobachtungsprogramms der Europäischen Union. Der Bericht bestätigte, dass 2024 das wärmste Jahr seit Beginn der Aufzeichnung war – und das erste, in dem die jährliche globale Durchschnittstemperatur mehr als 1.5°C über der des vorindustriellen Zeitalters lag.

Laut einer Studie der britischen Klimabehörde UK Met Office ist die Steigerung des CO2-Ausstoßes nicht mehr mit der Einhaltung des 1.5°C-Limits vereinbar. Im Bericht zum Zustand der Kryosphäre 2024 schreiben viele Wissenschaftler, dass ein Übersteigen dieses Limits ausreichen könnte, um große Teile von Grönland und der Westantarktis zum Abschmelzen zu bringen.

Der grönlandische Eisschild verliert laut dem Arctic Report Card 2024 von NOAA seit 27 Jahren in Folge an Masse. Der Eisschild, der die größte Insel der Erde bedeckt, beinhaltet Wasser genug, um den globalen Meeresspiegel um 7.4 Meter ansteigen zu lassen. Er ist zurzeit der zweitgrößte Faktor des Meeresspiegelanstiegs nach der thermischen Ausdehnung des Meerwassers durch die Erwärmung. So beeinflusse der Verlust an Eismassen sowohl die menschliche als auch die natürliche Umwelt weltweit durch Küstenerosion, verstärkte Sturmfluten, Versalzung, Lebensraumverlust und Überflutungen, schreiben die NOAA-Experten weiter.

Grönland in den Schlagzeilen – aus den falschen Gründen

Vor diesem Hintergrund wäre es keine Überraschung, Grönland in den Schlagzeilen zu finden. Der Klimawandel hat besorgniserregende Auswirkungen vor Ort, regional und auch global. Es wäre keine Überraschung zu lesen, dass aufgrund dieser Entwicklungen eine drastische Reduzierung des Treibhausgasausstoßes gefordert werde, um ein weiteres möglicherweise katastrophales Abschmelzen der größten Eismasse der nördlichen Halbkugel zu verhindern. 

Stattdessen steht Grönland oben auf der Nachrichtenagenda, weil US-Präsident Trump wie bereits während seiner letzten Amtszeit die Kontrolle über Grönland für die USA beansprucht. Letztes Mal haben wir das mit einem Lachen abgetan. Diesmal ist Trump stärker denn je und hat die Unterstützung eines Tech-Milliardärs, der Massenkommunikationsnetzwerke kontrolliert.

Verheerende Waldbrände wüten in den USA; Extremwetterereignisse nehmen weltweit an Häufigkeit und Stärke zu; Hitzewellen und Dürren bedrohen Menschen in den unterschiedlichsten Erdteilen. Die Arktis steht im Zentrum des Medieninteresses aber nicht weil sie das Weltklima maßgeblich beeinflusst – sondern als Objekt der politischen, militärischen und wirtschaftlichen Begierde. 

Die Arktis ist von Bedeutung, weil internationale Schiffsrouten zwischen Asien, Amerika und Europa hier durch die globale Erwärmung leichter zugänglich werden. Während Trump und seine Unterstützer den menschengemachten Klimawandel leugnen, profitieren sie bereits allzu gerne von den „Vorteilen“ der Eisschmelze. Grönland verfügt außerdem über eine Vielzahl an natürlichen Ressourcen, darunter seltene Erden und Mineralien, die ebenfalls durch den Klimawandel leichter zugänglich werden. Der US-Präsident interessiert sich zudem für die Eisinsel aus Sicherheitsgründen, als strategische Basis im Machtkampf gegen Russland. So gerät der Klimawandel durch die internationale Machtpolitik ins Hintertreffen.

Ice from the mighty ice sheets of Greenland and Antarctica will determine the fate of low-lying communities around the globe. Photo: I.Quaile
Eis von Grönland und der Antarktis wird das Schicksal vieler weit entfernter Küstengebiete und Inselstaaten beeinflussen. Foto: I. Quaile

“Auf der Suche nach Lösungen in Zeiten der Ungewissheit“ 

Das war das Thema des alljährlichen Arctic Futures Symposium der International Polar Foundation in Brüssel im November 2024. Lösungen sind schwer zu finden. Der Titel „Zeiten der Ungewissheit“ kommt fast einem Euphemismus gleich. Die geopolitische Situation und ein möglicher Konflikt im Hohen Norden dominierten die Debatte. Russlands Krieg gegen die Ukraine und die daraus resultierenden Spannungen zwischen Moskau und dem Westen haben die Arktis zum zentralen Faktor in der geopolitischen Dynamik gemacht. 

Russland besitzt die größte Landmasse der Arktis. In den letzten Jahren hat Moskau seine militärische Präsenz dort erhöht. Auf der Halbinsel Kola lagert ein beträchtlicher Teil der russischen Nuklearwaffen. Auch von hier aus greift Russland die Ukraine mit Raketen an.

Die Zeiten einer friedlichen Kooperation zwischen Ost und West im Hohen Norden sind vorerst vorbei. Finnland und Schweden sind der NATO beigetreten, die jetzt wiederum ihre Präsenz in der Arktis verstärkt. Beide Länder bereiten ihre Bevölkerungen auf verstärkte Aggressionen durch Russland vor. 

Diese Aggression nimmt nicht mehr rein militärische Formen an. Autorin und Strategieberaterin Anita Parlow ist Expertin für ‘hybride’ Formen der Kriegsführung. Dazu gehören Desinformationskampagnen, Hackerangriffe sowie Sabotage wie die Zerstörung von Unterseekabeln, wie wiederholt in der Ostsee geschehen. Solche Aktivitäten können eine Gesellschaft destabilisieren. Oft merkt man erst sehr spät, dass es sich überhaupt um einen hybriden Angriff handelt. Militärische Methoden schützen davor nicht.

China im Hohen Norden

Auch China interessiert sich für die Kontrolle über die Arktis und die “wirtschaftlichen Vorteile” eines sich erwärmenden Nordens. 2013 wurde dem Land Beobachterstatus beim Arktischen Rat gewährt. Damals erschien das Ländern wie Island eine gute Idee, so Bergdis Ellertsdottir, Islands Vertreterin beim Arktischen Rat. Auf der Konferenz in Brüssel erklärte sie, China habe sich seitdem stark verwandelt. Während man damals gerne Kooperationsabkommen mit China unterschrieben habe, sei man inzwischen wesentlich vorsichtiger geworden, so die Diplomatin.

Die westlichen Partner beobachten auch die zunehmende Kooperation zwischen China und Russland in der Arktis mit Argwohn. So führten beide Länder beispielsweise gemeinsame Manöver in der Arktis durch.

Chinesische Forschungsstation auf Spitzbergen. Inzwischen betreibt China in der Arktis nicht nur Forschung. Foto: I. Quaile

Arktische Ressourcen für jedermann?

Der Klimawandel eröffnet Perspektiven für verstärkte Wirtschaftsaktivitäten in der Arktis. Alle wollen mit von der Partie sein. Die Schifffahrt, der Bergbau sowie der Tourismus werden alle umfangreicher. Die neue US-Regierung will die Öl- und Gassektoren wieder stärken. Das wird auch den Hohen Norden betreffen. Indigene Arktisbewohner müssen sich auf große Veränderungen gefasst machen. 

Die Suche nach seltenen Erden und Mineralien für die grüne Energiewende sowie der Ausbau der Windenergie führen zu Auseinandersetzungen um die Landnutzung. Sami-Rentier-Hirten und andere traditionell lebende Gruppen konkurrieren mit Bergbau- und Windenergiekonzernen. Indigene Vertreter wie Sara Olsvig, grönländische Politikerin und International Chair of the Inuit Circumpolar Council (ICC) warnen vor einer Wiederholung alter Fehler, zum Beispiel durch eine Art „Kolonisierung“ im Zuge der Energiewende. Der Begriff erhält eine ganz neue Dimension, wenn der US-Präsident die Kontrolle über Grönland übernehmen will.

Der Arktische Rat – 7 gegen 1?

Das alles bedeutet eine neue Herausforderung für den Arktischen Rat. Sieben der acht Mitglieder sind inzwischen NATO-Mitglieder. Das achte, Russland, mit mehr als der Hälfte der Landmasse, wurde nach dem Einmarsch in die Ukraine suspendiert. Die Politik des neuen US-Präsidenten, der gerne auch Kanada und Grönland einverleiben möchte, wird die Beziehungen innerhalb der Organisation weiter stören. Die Bemühungen, die Arktis friedlich zu halten, werden komplizierter.

Angesichts der riesigen Veränderungen, die der Klimawandel für die Arktis mit sich bringt, sollten die Arktisanrainer mehr denn je auf Kooperation bedacht sein, so US-Sonderbotschafter für die Arktis Mike Sfraga in Brüssel im November

US Ambassador-at-Large for the Arctic Mike Sfraga at Arctic Futures in Brussels, November 2024
US ‘Ambassador-at-Large for the Arctic’ Mike Sfraga bei der Arctic Futures Konferenz in Brüssel im November 2024

Der auftauende Permafrost sowie Wald- und Tundrabrände bedrohen die Infrastruktur sowie den Lebensstil in arktischen Gebieten, sowohl in Russland als auch in den westlichen Ländern. Die Zukunft scheint aber eher durch Nationalismus als durch Zusammenarbeit gestaltet zu werden. 

Rückschläge für den Klimaschutz

Welche Aussichten gibt es denn für die internationalen Bemühungen, den Treibhausgasausstoß zu reduzieren und damit eine weitere Eisschmelze mit katastrophalen Konsequenzen vor Ort und weltweit zu vermeiden? 

President Trump priorisierte in seinen ersten Amtstagen das Verlassen des Pariser Klimaabkommens. Noch bis zum Jahresende könnten die USA aber noch die Verhandlungen aufmischen. Es bleibt abzuwarten, genau welche Auswirkungen diese erneute Abkehr von den internationalen Klimaverhandlungen haben wird. Interessant wird auch, ob es Nachahmer gibt.

And so we come to the end of the hottest year on record. We didn’t make it at COP29, but we know what we have to do in 2025! iceblog.org/2024/10/27/g…

Irene Quaile (@iceblogger.bsky.social) 2024-12-24T11:21:47.289Z

Die UN Klimakonferenzen sind an sich schon problematisch. COP29 im Öl- und Gasland Azerbaijan, war eher ein Nicht-Ereignis. Manche Experten fordern weitgehende Reformen des Formats. Die COPs sind zu groß geworden. Außerdem können einzelne Länder wie das ölreiche Saudi-Arabien Fortschritte aufhalten. Eine Expertengruppe schlägt vor, die diesjährige Konferenz, die in Belem, Brasilien im November stattfinden soll, zu dezentralisieren sowie zu verkleinern.

Einige hegen aber noch die Erwartung, die diesjährige Veranstaltung könne einen Wendepunkt herbeiführen. Sie reden von der “Implementation COP”. Der jetzige brasilianische Präsident Lula da Silva verfolgt eine andere Klimapolitik als sein Vorgänger. Die Abholzung des Amazons wird reduziert. Außerdem gehört das Land der einflussreichen BRICS-Gruppe an, der die wichtigen Klimaplayer China und Indien auch angehören.

Wenn die Realität die Vorhersagen überholt…

Es ist unmöglich, den Ernst der Lage zu übertreiben. Eine von weltführenden Klimawissenschaftlern im Oktober 2024 veröffentlichte Studie sieht die Erde kurz vor einem „unumkehrbaren Klimadesaster“, von einer Gefahr für das Leben auf der Erde. Trotz vielfacher Warnungen bewegen wir uns immer noch in die falsche Richtung, so die Wissenschaftler. Wir steuerten auf eine Temperaturerhöhung von um die 2.7°C bis 2100 zu.

Inzwischen gehe es nur noch darum, das Ausmaß der Schäden zu begrenzen. Niemals in der Geschichte der menschlichen Existenz habe es eine dermaßen desaströse Situation gegeben.

Weltuntergangsstimmung?

Ich befürchte, die Wissenschaftler – die zu den renommiertesten der Welt gehören – übertreiben nicht.

“Klima ist nicht verhandelbar” – Protest vor dem UN-Klimasekretariat in Bonn.

Die Versuchung, zu resignieren, ist groß. Trotz alledem gibt es aber noch Hoffnungszeichen. Um die guten Nachrichten zu finden, darf man nicht nur das Handeln der Regierungen und die mangelnden Fortschritte der internationalen Klimadiplomatie betrachten. Regierungen, Städte sowie die Wirtschaft haben entdeckt, dass saubere, klimaschonende Technologien auch gewinnbringend sein können.

Umweltwissenschaftler und Autor Dana Nuticelli hat eine Auswahl an positiven Klimanachrichten für 2025 zusammengestellt. Dazu gehören der Rekordeinsatz von sauberen Technologien im Jahr 2024, der Rückgang der Abholzung des Amazonaswalds in Brasilien, weniger Organisationen, die in Aktien von fossilen Brennstoffkonzernen investieren, und mehr Länder, die eine CO2-Bepreisung für manche Wirtschaftsbranchen eingeführt haben. 

Die Emissionen seien zwar auf eine Rekordhöhe gestiegen. Der Rekordeinsatz sauberer Technologien habe aber dafür gesorgt, dass der Treibhausgasausstoss sich um weniger als ein Prozent im Vergleich mit dem Vorjahr erhöht habe. 

Ein Elektroauto wird in Norwegens “arktischer Hauptstadt“ Tromsö aufgeladen. Foto: I. Quaile

Elektroautos zusammen mit ‘Plug-in-Hybrid‘-Autos betrugen mehr als 20 Prozent der neuen Autos, die 2024 weltweit verkauft wurden. Im Jahr davor waren es 18 Prozent. In China war schon die Hälfte der verkauften neuen Autos in den letzten fünf Monaten elektrisch. Auch die Installation von Solarpaneelen erreichte globale Rekorde, vor allem in China. Der Hauptgrund dafür: sie waren in den meisten Fällen billiger als fossile Alternativen

Die Macht des Marktes 

Donald Trump möchte trotz alledem die Welt ins Öl- und Gaszeitalter zurückführen: “Drill Baby Drill” – auch in der Arktis. Andere Länder sollen unter Druck gesetzt werden, US-amerikanisches Öl und Gas zu kaufen. Die kommenden Jahre werden zeigen, ob der Vormarsch der alternativen Energien sie nicht schon so weit etabliert hat, dass ein solcher Rückgang mit wirtschaftlichen Verlusten verbunden wären. Die Macht des Marktes könnte dazu führen, dass Trump mit seinen eigenen Waffen geschlagen wird. 

“Die Zukunft liegt in unseren Händen”, sagte Carlo Buontempo, Direktor des Copernicus Erdbeobachtungsprogramms der Europäischen Union bei der Vorstellung des neuesten Berichts. Schnelles, entschlossenes Handeln könne den Kurs des zukünftigen Klimas noch korrigieren. 

Die US-Behörde NOAA hat klare Empfehlungen für die Arktis: das schnelle Tempo und die Komplexität des Arktischen Wandels verlangen neue und verstärkte Arktische Anpassung und globale Reduzierungen der Verschmutzung durch fossile Brennstoffe, heißt es in dem Arctic Report Card 2024

Bedrohung von rechts

Gleichzeitig scheint das Leugnen des Klimawandels wieder populär zu sein. In vielen Ländern – auch in meiner Heimat Deutschland – machen rechte politische Gruppierungen Stimmung gegen den Klimaschutz. Ein Milliardär wie Elon Musk verbreitet Desinformation und Lügen über seine eigenen Social-Media-Kanäle und unterstützt Parteien wie die rechtsextreme “Alternative für Deutschland” (AfD). Wir müssen dagegen halten. Es wird behauptet, der Klimawandel finde nicht statt, und die Energiewende sei ein teurer Luxus, den sich normale Menschen nicht leisten können. Können die anderen politischen Parteien diesen Trend umkehren und zeigen, dass ein grüneres, saubereres Energiesystem und ein klimaschonender Lebensstil eine „Win-Win“-Situation für alle sind?

Die verheerenden Brände in Kalifornien zeigen die Auswirkungen des Klimawandels – und wie Rückkopplungseffekte ihn weiter verstärken. Wenn wir unsere Augen vom Ball nehmen und den Klimaschutz vernachlässigen, werden vermeintliche Vorteile durch schnellere Schifffahrtsrouten oder einem leichteren Zugang zu Ressourcen unter dem Eis der Arktis voraussichtlich in Rauch aufgehen.

Link zum Blog von Dr. Irene Quaile-Kersken:

Aktueller Blog: https://iceblog.org

Älterer Blog: https://blogs.dw.com/ice/ 

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