Arctic Report Card 2024: Kaum gute Nachrichten aus der Arktis
Der alljährliche Bericht von NOAA zum Zustand der Natur in der Arktis — die sogenannte «Arctic Report Card» — fällt auch in diesem Jahr aufgrund des Klimawandels größtenteils niederschmetternd aus. Eine der dramatischen Entwicklungen: Die arktische Tundra hat sich vom Kohlendioxid-Speicher zur Kohlendioxid-Quelle gewandelt.
Seit 2006 veröffentlicht die US-amerikanische Behörde NOAA (National Oceanic and Atmospheric Administration) jedes Jahr im Dezember «The Arctic Report Card», kurz ARC. Dieser Bericht bietet zuverlässige und aktuelle Informationen darüber, wie sich die verschiedenen Komponenten des arktischen Systems, wie Temperatur, Niederschlag, Meereisausdehnung oder Tierpopulationen, im Vergleich zu historischen Aufzeichnungen aufgrund der raschen Erwärmung der Arktis verändern.
Einige der dramatischsten Veränderungen in der Arktis im Überblick:
- Die arktische Tundra ist durch Waldbrände und Erwärmung von der Kohlenstoffsenke zur -quelle geworden. (mehr dazu im Text)
- Die Arktis bleibt eine beständige Methanquelle.
- Die großen wandernden Karibuherden sind in den letzten 20 bis 30 Jahren um 65 Prozent zurückgegangen.
- Die Niederschläge haben zugenommen, insbesondere Regen-auf-Schnee – Ereignisse. (mehr dazu im Text)
- Oberflächentemperaturen in der Arktis waren 2024 die zweithöchsten seit Beginn der Aufzeichnungen. (mehr dazu im Text)
- Die Schneemenge im Winter 2023-2024 war sowohl in der eurasischen als auch in der nordamerikanischen Arktis überdurchschnittlich hoch.
- Trotz überdurchschnittlicher Schneemengen war die Schneesaison in Teilen der zentralen und östlichen Arktis Kanadas die kürzeste seit 26 Jahren. Die Schneeschmelze in der Arktis setzt im Mai und Juni 1-2 Wochen früher ein als in der Vergangenheit.
- Der Grünanteil der Tundra, ein Maß für die Zunahme der Strauchbedeckung aufgrund der Erwärmung, erreichte den zweithöchsten Wert in der 25-jährigen Satellitenaufzeichnung.
- Alle der 18 geringsten Meereis-Minima in September traten in den letzten 18 Jahren auf.
Die Tundraregion — vom Kohlenstoffspeicher zur Kohlenstoffquelle
Eine der wohl dramatischsten Entwicklungen wird von der arktischen Tundraregion vermeldet: Das Auftauen des Permafrostbodens und die Emissionen der häufiger werdenden Brände haben dazu geführt, dass die Tundra von einem Kohlenstoffspeicher im Boden zu einer Quelle von Kohlendioxid und Methan für die Atmosphäre geworden ist. Beide Gase sorgen dafür, dass mehr Wärme in der Atmosphäre verbleibt.
Die Autor*innen des ARC2024 messen diesem Übergang der Tundra hin zu einer Quelle für diese beiden Klima-relevanten Gase globale Bedeutung bei.
«Unsere Beobachtungen zeigen nun, dass die arktische Tundra, in der es zu einer Erwärmung und vermehrten Waldbränden kommt, mehr Kohlenstoff ausstößt, als sie speichert, was die Auswirkungen des Klimawandels verschlimmern wird», sagte NOAA-Administrator Rick Spinrad, Ph.D., in einer NOAA-Pressemitteilung «Dies ist ein weiteres von Wissenschaftlern vorhergesagtes Zeichen für die Folgen einer unzureichenden Reduzierung der Verschmutzung durch fossile Brennstoffe.»
Im Jahr 2024 wurden an knapp der Hälfte der Langzeitüberwachungsstationen in Alaska die höchsten Permafrosttemperaturen jemals gemessen, während gleichzeitig die zweithöchsten Emissionen durch Brände nördlich des Polarkreises beobachtet wurden, die wegen des Klimawandels immer häufiger auftreten und intensiver werden.
Seit 2003 gelangten demnach pro Jahr durchschnittlich 207 Millionen Tonnen Kohlenstoff durch Brände in der Arktis in die Atmosphäre. Das ist in etwa so viel Kohlenstoff wie 165 Millionen Autos in einem Jahr ausstoßen.
Temperaturen, Meereis, Niederschläge
Rekorde wurden auch in anderen Bereichen gebrochen. So erreichten die Temperaturen im nördlichen Alaska und Kanada während einer Hitzewelle im August diesen Jahres mit mehr als 30°C Rekordwerte. Die Jahresdurchschnittstemperaturen der Luft waren immerhin «nur» die zweithöchsten seit 1900 mit einer Abweichung vom langjährigen Mittelwert von etwas mehr als +1°C. Allerdings waren die letzten neun Jahre die wärmsten seit Beginn der Aufzeichnungen in der Arktis.
Das Meereis setzte im September, wenn seine Ausdehnung am geringsten ist, keine neuen Negativrekorde. Jedoch sind alle der 18 geringsten minimalen Meereisausdehnungen im September in den letzten 18 Jahren aufgetreten.
Zudem wurden im Sommer 2024 die höchsten Niederschläge für die Jahreszeit seit Beginn der Aufzeichnungen verzeichnet. Am stärksten stiegen die Niederschläge jedoch in den Wintermonaten Januar bis März, wobei es auch zu Regen-auf-Schnee – Ereignissen kam, die besonders für Wildtiere auf Nahrungssuche problematisch sind. Aber auch für die Menschen stellt eine mit Eis überzogene Landschaft eine Herausforderung dar.
Kaum gute Nachrichten
Wie bereits in den vergangenen Jahren kann auch der ARC2024 nur wenig gutes vermelden. Aber immerhin, es gibt sie — die guten Nachrichten. Die eine ist der gute Gesundheitszustand der Eis-abhängigen Robben im pazifischen Sektor der Arktis, der anhand der Dicke der Fettschicht bestimmt wird. Nachdem Ringel-, Bart-, Largha- und Bandrobben in den 2010er Jahren an Körperumfang verloren, konnten sie dem Bericht zufolge mittlerweile wieder an Gewicht zulegen.
Allerdings zieht sich bevorzugte Beute der Robben, der Polardorsch, mit dem wärmer werdenden Meerwasser nach Norden zurück und die Meeressäuger ernähren sich zunehmend von der verwandten Fernöstlichen Nawaga, ebenfalls eine Dorschart.
Die andere positive Nachricht kommt von den Küsten-Karibus in der westlichen Arktis. Im Gegensatz zu den wandernden Populationen haben sich die Bestände dieser eher kleineren Herden etwas erholt in den letzten zehn Jahren.
«Der diesjährige Bericht zeigt die dringende Notwendigkeit der Anpassung, da sich die klimatischen Bedingungen schnell ändern», sagte Twila Moon, leitende Redakteurin der Arctic Report Card und stellvertretende leitende Wissenschaftlerin am National Snow and Ice Data Center. «Indigenes Wissen und von Gemeinschaften geleitete Forschungsprogramme können erfolgreiche Antworten auf die raschen Veränderungen in der Arktis liefern.»
Die ursprünglichen Forscher
Der ARC2024 enthält auch einen Beitrag über die Rolle der traditionellen Inuit-Jäger als «Ursprüngliche Forscher», die Shari Fox und Mike Jaypoody hervorheben, beide vom Ittaq Heritage & Research Centre in Kangiqtugaapik (Clyde River), Nunavut, Kanada.
Ohne wesentliche wissenschaftliche Fähigkeiten in Beobachtung, Monitoring und Forschung könnten die Inuit keine erfolgreichen Jäger sein. In der westlichen wissenschaftlichen Forschung blieben ihre Kenntnisse jedoch lange Zeit nicht oder zu wenig beachtet. Mittlerweile fließt ihr Wissen immer häufiger in westliche Forschung ein.
Ein herausragendes Beispiel für die Förderung dieses Wissens ist das Angunasuktiit-Programm des Ittaq Heritage and Research Centre. Dieses Programm vermittelt der nächsten Generation umfassende Kenntnisse sowie Jagd- und Fangtechniken, wobei traditionelle Techniken mit modernen wissenschaftlichen Methoden kombiniert werden.
Das Autorenteam betont, dass die Unterstützung und Einbindung indigener Gemeinschaften in die Arktisforschung entscheidend ist. Dies erfordert eine nachhaltige Förderung indigener Lebensweisen und die Anerkennung ihres Beitrags zur Generierung von Wissen.
Julia Hager, Polar Journal AG
Link zur Arctic Report Card 2024: https://arctic.noaa.gov/report-card/report-card-2024/



