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Auf den Spuren männlicher Pottwale: Erstmals tausende Kilometer lange Wanderungen verfolgt

Julia Hager 15. März 2025 | Arktis, Wissenschaft

Männliche Pottwale im Nordatlantik verbringen einen Großteil des Jahres in arktischen Gewässern und wandern nur für die Paarung in Richtung Süden. Ein Forschungsteam zeigte jetzt erstmals, dass die Wale dabei keinem festen Zeitplan folgen.  

Ein männlicher Pottwal taucht vor der Küste Nordnorwegens in die Tiefe ab. Foto: Stefan Leimer

Zum ersten Mal hat ein norwegisches Forschungsteam unter der Leitung des Norwegischen Polarinstituts die Wanderungen von männlichen Pottwalen (Physeter macrocephalus) im Nordatlantik über einen längeren Zeitraum verfolgt und dabei neue Erkenntnisse über ihre Bewegungsmuster und ihre Fortpflanzung erhalten.

Für die Studie, die am 6. März in Nature Scientific Reports erschien, statteten die Forschenden vor der Küste Nordnorwegens und Svalbards 29 erwachsene männliche Pottwale mit Satellitensendern aus, wobei zum ersten Mal Pottwale so weit nördlich, auf 79°N, markiert wurden.

Von den 26 Walen, die Daten übermittelten, wanderten 12 von ihren arktischen Nahrungsgründen nach Süden in die Fortpflanzungsgebiete im subtropischen und tropischen Nordatlantik, während die übrigen Tiere im Norden blieben.

Keine feste Fortpflanzungssaison

Eine der bemerkenswertesten Erkenntnisse der Studie ist, dass die Wanderung der männlichen Pottwale keinem synchronisierten Muster folgt und sie nicht während einer bestimmten Jahreszeit wandern. Die Forschenden fanden anhand der Satellitendaten heraus, dass die Migration der Wale aus den arktischen Gewässern in Richtung Süden sporadisch zwischen Januar und Oktober erfolgt, ohne dass ein klarer zeitlicher Trend erkennbar ist.

Das Migrationsverhalten der Pottwale steht damit im krassen Gegensatz zu dem der Buckel- und Finnwale. Diese wandern strikt saisonal: Den Sommer verbringen sie in polaren Gewässern, um dort das reichhaltige Nahrungsangebot zu nutzen und im Winter suchen sie ihre Fortpflanzungsgebiete in niedrigen Breiten auf. 

Das Forschungsteam vermutet, dass die Pottwale keinem starren Zeitplan folgen, weil sowohl in hohen als auch in niedrigen Breitengraden das ganze Jahr über Nahrung in der Tiefe zur Verfügung steht und auch die weiblichen Wale das ganze Jahr über fortpflanzungsbereit sind. Das bedeutet, dass die Männchen ihren Zeitpunkt für die Wanderung selbst wählen können, wahrscheinlich abhängig von ihrer körperlichen Verfassung und ihren Energiereserven.

Die Routen der 12 Wale auf ihrem Weg von arktischen Gewässern in Richtung Süden. Zwei der Wale (rote und schwarze Linie) konnten wieder zurück bis in die Arktis verfolgt werden, bevor die Sender aufhörten, Daten zu liefern. Karte: Lydersen et al. 2025

Schnelle und direkte Wanderung

Alle 12 Pottwale, die die arktischen Gewässer verließen, folgten einer bemerkenswert direkten Route nach Süden. Sie durchquerten einen schmalen Korridor zwischen Island, den Färöer-Inseln und den Shetland-Inseln, bevor sie ihre Reise in Richtung des tropischen und subtropischen Atlantiks fortsetzten.

Im Durchschnitt legten die Wale eine Strecke von 5.500 Kilometern zurück, um die Fortpflanzungsgebiete südlich des 45. Breitengrades zu erreichen, die sich von den Gewässern vor den Kanarischen Inseln und den Kapverden bis zur Karibik und Brasilien erstreckten. 

Ihre Wanderung dauerte durchschnittlich 40 Tage, wobei die Wale 4,7 Kilometer pro Stunde zurücklegten, ähnlich wie Buckelwale (5,8 km/h) und Finnwale (4,7 km/h) auf ihren Wanderungen.

Ein männlicher Pottwal im Juli 2024 nördlich von Andenes, Norwegen. Video: Julia Hager

Wie lange bleiben sie im Süden?

In ihren Fortpflanzungsgebieten hielten sich die Wale etwa 76 Tage auf. Im Gegensatz zu den anderen Walarten mit synchronisierten, strukturierten Mustern und relativ eng begrenzten Fortpflanzungsgebieten, verteilten sich die männlichen Pottwale über ein riesiges Gebiet, das mehr als 10 Millionen Quadratkilometer umfasste.

Sie blieben auch nicht lange an einem Ort – auch nicht bei den Azoren, wo das ganze Jahr über Pottwale beobachtet werden – sondern zogen weiter über den offenen Ozean, was die Vermutung früherer Studien untermauert, dass männliche Pottwale zwischen Gruppen von Weibchen umherziehen und nicht für längere Zeit bei einer Gruppe bleiben.

Nur zwei der Wale konnten lang genug verfolgt werden, um ihre Rückkehr in die arktischen Gewässer zu dokumentieren. Diese beiden Wale kehrten dorthin zurück, wo sie markiert worden sind.

Auf die Nahrungssuche scheinen die Pottwale auch während ihrer Wanderung und in ihren Fortpflanzungsgebieten nicht ganz zu verzichten, wie die tiefen Tauchgänge – der tiefste ging bis 1.927 Meter – einiger Individuen vermuten lassen. 

Nur vorübergehend in warmen Gewässern

Im Gegensatz zu weiblichen Pottwalen und Jungtieren, die die warmen Gewässer der niedrigen Breiten nie verlassen, verbringen erwachsene Männchen einen großen Teil des Jahres in den kalten, nahrungsreichen arktischen Gewässern. 

Dies wirft eine interessante Frage auf: Wenn in den Tropen das ganze Jahr über Nahrung und Weibchen verfügbar sind, warum bleiben die Männchen dann nicht dauerhaft dort?

Eine mögliche Erklärung ist dem Autorenteam zufolge, dass größere Männchen einen evolutionären Vorteil beim Wettbewerb um Weibchen haben. Und die besten Voraussetzungen, möglichst schnell möglichst groß zu werden, könnten die hochproduktiven arktischen Gewässer bieten. 

Im gewaltigen Kopf der Pottwale, von dem hier nur die „Nasenspitze“ zu sehen ist, sitzt das sogenannte Spermaceti-Organ, das mit einer wachshaltigen Substanz gefüllt ist. Es wird angenommen, dass es eine wichtige Funktion bei der Echoortung erfüllt. Foto: Stefan Leimer

Wichtige Erkenntnisse für den Schutz der Wale

Das Verständnis der Migrationsmuster von Pottwalen ist für den Schutz und das Management von entscheidender Bedeutung. Die Studie bestätigt, dass der größte Teil des Fortpflanzungsgebietes der Pottwale im Atlantik in internationalen Gewässern liegen, in denen die Vorschriften für den Artenschutz noch nicht ausgereift sind.

Die große Ausdehnung des Fortpflanzungsgebietes, das sich über mehrere Meeresregionen erstreckt, könnte den Pottwalen jedoch eine gewisse Widerstandsfähigkeit gegenüber zufälligen Ereignissen verleihen.◼️

Link zur Studie: Lydersen, C., Blanchet, MA., Kovacs, K.M. et al. Migration to breeding areas by male sperm whales Physeter macrocephalus from the Northeast Atlantic Arctic. Sci Rep 15, 7861 (2025). https://doi.org/10.1038/s41598-025-91266-8

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