Auf Wiedersehen, Sonne

Ein besonderer Moment markierte Anfang Juni auf der japanischen Showa-Station in der Antarktis den Beginn einer langen und entbehrungsreichen Zeit: Die Sonne verabschiedete sich für mehrere Wochen vom Himmel. Mit dem Einsetzen der Polarnacht verschwindet das Tageslicht vollständig. Erst Mitte Juli wird die Sonne wieder über dem Horizont erscheinen.

An diesem denkwürdigen Tag zeigte sich der Himmel überraschend klar. Nach einer Reihe heftiger Schneestürme versammelten sich die Mitglieder der Forschungsstation während ihrer Mittagspause auf dem höchsten Punkt der Ongul-Insel, dem astronomischen Beobachtungspunkt. Die eisige Luft war ruhig, der Himmel von tiefem Blau geprägt. Trotz der Kälte lag eine gespannte Erwartung in der Atmosphäre, denn niemand wusste, ob die Sonne sich noch ein letztes Mal zeigen würde.
Minutenlang blickten die Forschenden und Techniker auf den Horizont. Dort lag eine dichte Wolkenbank wie ein Vorhang zwischen Himmel und Erde. Die Hoffnung schwand bereits, als plötzlich ein schmaler Lichtstrahl die Wolken durchbrach. Es war kein strahlender Sonnenaufgang, sondern vielmehr ein letzter Gruß, schwach, zart und doch von beeindruckender Kraft. Für einen Augenblick schien die Antarktis stillzustehen. Das Licht verlieh der eisigen Landschaft eine beinahe überirdische Atmosphäre und erinnerte alle Anwesenden daran, wie kostbar die Sonne in dieser abgelegenen Weltregion ist.

Während des Wartens sorgte ein außergewöhnliches Schauspiel für zusätzliche Begeisterung. Mit kochendem Wasser wurde ein «Heißwasser-Feuerwerk» entfacht. Kaum in die eisige Luft geschleudert, verwandelte sich das Wasser augenblicklich in funkelnden Nebel, der wie silberner Rauch in den klaren Himmel stieg. Vor der Kulisse aus Schnee, Eis und unendlicher Weite entstand ein Bild, das an Magie erinnerte.
Nun beginnt für die Bewohner der Showa-Station die Zeit der Dunkelheit. Wochenlang wird die Sonne nicht mehr aufgehen. Die fehlenden Tageslichtstunden stellen Körper und Geist auf eine harte Probe. Schlafrhythmus, Motivation und Wohlbefinden werden täglich herausgefordert. Doch gerade in dieser extremen Umgebung zeigt sich die Stärke der Gemeinschaft. Zusammen werden die Stationsmitglieder die lange Polarnacht durchstehen, getragen von Kameradschaft, wissenschaftlicher Neugier und der Gewissheit, dass die Sonne eines Tages zurückkehren wird.
Heiner Kubny, PolarJournal