Der polare Rückblick – Chemische Schadstoffe in Antarktis werfen Fragen auf
Der polare Rückblick greift Geschehnisse der vergangenen Woche auf, die mit Arktis und Antarktis zusammenhängen und stellt einen oder mehrere Aspekte ins Zentrum der Betrachtung. Dieses Mal ist es die Verschmutzung der Antarktis durch Schadstoffe, die an einem internationalen Workshop in Siena diskutiert wurde und dabei viele Fragen aufgeworfen, aber nur wenige Antworten geliefert hat. Trotzdem kann es als erster Erfolg verbucht werden.
«Letzte unberührte Wildnis der Erde» ist einer der Slogans, mit dem Veranstalter von Polarreisen die Antarktis sehr oft anpreisen, gefolgt von Bildern, die diesen Slogan auch unterstreichen: scheinbat reine Schnee und Eislandschaften in einer Farbsymphonie von Weiss und Blautönen, mit individuellen Farbtupfern. Keine Menschenseele und keine der uns bekannten Probleme wie beispielsweise Umweltverschmutzung.
Modernes Problem in altehrwürdigen Hallen
Doch die letzte Woche in den über 800 Jahren alten Hallen der Universität Siena zusammengekommenen internationalen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler zeichnen ein anderes Bild der Antarktis: PFAS, PCB, POPs, CFC, PAH, hormonaktive Substanzen, Quecksilber, Mikroplastik und vieles mehr in den Böden, in den Gewässern, in Tieren und Pflanzen der Antarktis. Die oft unsichtbaren Boten der menschlichen Zivilisation haben auch diesen Teil der Erde erreicht, und zwar nicht erst seit kurzem, sondern schon mit grosser Wahrscheinlichkeit seit längerem.
Organisiert vom deutschen Umweltbundesamt, dem Helmholtz-Zentrum Hereon und den Universitäten Genua und Siena stellten mehrere Dutzend Expertinnen und Experten die neuesten Erkenntnisse zum Thema Schadstoffe in der Antarktis vor, sowohl vor Ort wie auch Online. Doch es ging nicht nur um das Erstellen einer Aufstellung darüber, wo welche Schadstoffe in welcher Konzentration entdeckt worden sind. Vielmehr wurden Fragen in den Raum gestellt, wie man mit der Situation umgehen soll. Einer Situation, die schon seit langem herrscht und von einigen wenigen Forschenden schon seit Jahrzehnten angemahnt wurde, aber deren Ausmass erst seit ein paar Jahren dank neuer Technologien und Methoden erkannt worden ist. Und um es gleich vorwegzunehmen: Konkrete Antworten fand man keine, aber zumindest Erkenntnisse, in welche Richtung man gehen will und muss.
SCAR ImPACT & POLEMP
Eigentlich ist das Thema nicht neu. Wo Menschen Infrastrukturen errichten, entstehen automatisch zahlreiche Eintrittsmöglichkeiten für Schadstoffbelastungen. Für die Antarktis waren und sind dies entsprechend vor allem Stationen und Verkehrsmittel. Deswegen wurden an einigen Stationen Langzeitmessungen zur Überwachung eingerichtet. Doch für den grössten Teil der Antarktis nahm man an, dass einerseits die antarktische Konvergenzlinie als Barriere dient, andererseits durch die Grösse des Südlichen Ozeans und der Gebiete eine Art Verdünnungsfaktor einstellt und Effekte kaum auftreten würden.
Doch dank der technischen Entwicklungen wurden diese Annahmen widerlegt und plötzlich begann man zu erkennen, dass auch niedrige Mengen an Schadstoffen grosse Auswirkungen auf Organismen haben. Ausserdem entdeckte man neue Arten von Schadstoffen wie beispielsweise PFAS, die als «ewige Schadstoffe» Schlagzeilen machen; oder flammenhemmende Stoffe, die eigentlich Stationen und Menschen vor der grössten Gefahr der Antarktis schützen sollten, nämlich Feuer.
Dadurch entstand ein immer grösseres Bewusstsein für die Problematik. Einen Höhepunkt der internationalen Bemühungen war die „Berliner Erklärung, in der ein 10-Punkte-Plan veröffentlicht wurde, wie die Schadstoffbelastung in Polarregionen angegangen werden sollte. Für die Antarktis entstanden Überwachungs- und Messprogramme wie SCAR ImPACT, eine Aktionsgruppe von 19 Staaten innerhalb der SCAR (Wissenschaftliches Komitee für Antarktisforschung) zur Überwachung und Untersuchung von POPs (Persistent Organic Pollutants). Oder unter der Leitung des deutschen Umweltbundesamtes das Projekt POLEMP, welches zum Ziel hat, ein umfassendes Konzept für die Überwachung und Erfassung von Schadstoffbelastungen in der Antarktis zu entwickeln. Neben deutschen Forschungsinstitutionen sind auch Italien, Australien und vor allem China an POLEMP beteiligt.
Südostasiatisches Interesse
Überhaupt zeigen gerade diese beiden Projekte das grosse Potential für echte internationale Zusammenarbeit. Denn neben zahlreichen europäischen Staaten sind auch südamerikanische und asiatische Länder im SCAR ImPACT vertreten. Und am Workshop in Siena stammten viele Teilnehmer aus Südkorea und China, die ihre Forschungsarbeiten und Messprogramme vorstellten. Das zeigt, wie ernst es diesen Ländern in der Frage der Schadstoffbelastung und deren Auswirkungen auf die Umwelt sind. China stellte beispielweise die Ergebnisse von 10 Jahren Messungen an der «Great Wall Station» auf King George Island vor, die zeigten, dass die Belastungen nicht nur durch die Infrastrukturen der Station entstehen, sondern auch der Transport durch die Luft aus weit entfernteren Regionen wie Südamerika einen wesentlichen Beitrag leisten.
Andere Wege, wie die ungeliebten Stoffe die Antarktis erreichen, sind weniger überraschend. Zuoberst auf der Liste stehen vor allem Schiffe und Flugzeuge, die zehntausende von Besucherinnen und Besuchern, Personal und anderen Menschen jedes Jahr in die weisse Wildnis bringen. Trotz der Einhaltung von Schutzprotokollen und vielen Massnahmen transportieren sie so die schädlichen Stoffe in die antarktischen Ökosysteme. Hier stellt sich die Frage, wie man diese Art des Eintrags unterbinden soll: Stopp der Tourismusströme, Verbote von Expeditionen und den dazugehörenden Transportmöglichkeiten?
Fragen über Fragen und (noch) keine Antworten
Dies war nur eine der Fragen, die in der ehrwürdigen Halle in Siena von den Fachleuten diskutiert worden war, ohne aber eine Antwort zu finden. Andere Fragen, die im Laufe der zwei Tage auftraten, waren beispielsweise wie man die internationalen Forschungsanstrengungen zum Thema koordinieren und in die Antarktisforschung stärker einbinden sollte; oder die Frage, welche Schadstoffe man überhaupt untersuchen soll; oder die Frage nach einer Harmonisierung der Untersuchungsprotokolle, um die Daten überhaupt vergleichen zu können. Diese Frage zog auch gleich die Frage nach der Lagerung der Daten nach (wie, wo und unter wessen Leitung). Auch die Frage nach den Effekten und deren Schädlichkeit für die Organismen, welche Organismen überhaupt untersucht werden sollen, wo die Basiswerte liegen und welche Messpunkte man für chronische und akute Effekte und Expositionen man wählen sollte, wurden erörtert. Und über allem kreist natürlich die Frage, wie der fortschreitenden Klimawandel die Schadstoffbelastung in der Antarktis beeinflusst.
Aber neben den praktischen und wissenschaftspolitischen Aspekten wurde auch die Art und Weise, wie man mit den Erkenntnissen umgehen soll, wie sie mit wem kommuniziert werden sollen, eingehend diskutiert. Eine Öffnung gegenüber den verschiedenen Interessenvertreter und vor allem der Allgemeinheit wurde als essentiell betrachtet, da Lösungen nur in der Zusammenarbeit von Politik, Gesellschaft, Wirtschaft und Wissenschaft erarbeitet werden können.
Am Ende war klar, dass der Workshop trotz spannender und vielschichtiger Beiträge und Diskussionen noch keine Antworten liefern kann. Zu komplex und weitreichend ist die Thematik. Doch wenn es etwas gibt, was man in den über 800 Jahre alten Wänden der Universität Siena und auch in den anderen wissenschaftlichen Institutionen gelernt hat, ist die Tatsache, dass man grosse Probleme in viele kleinere Teilproblem zerlegt, um dann in einer gemeinsamen Anstrengung die Antworten und Lösungen zu finden. Das gilt auch für die unsichtbare Bedrohung von POPs, PFAS, PCB, PAH, CFC für die «letzte unberührte Wildnis der Erde».
Dr. Michael Wenger, Polar Journal AG
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