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Der Polare Rückblick – Negative und positive Energie auf Svalbard

Dr. Michael Wenger 22. Juli 2024 | Arktis, Gesellschaft, Politik
Zurzeit sorgt nicht nur die Sonne für Energie in Longyearbyen, sondern auch die Diskussionen rund um die Stromkosten und der Dauerbrenner Tourismus. (Foto: Michael Wenger)

Der polare Rückblick greift Geschehnisse der vergangenen Woche auf, die mit Arktis und Antarktis zusammenhängen und stellt einen oder mehrere Aspekte ins Zentrum der Betrachtung. In dieser Ausgabe richtet sich der Blick nach Longyearbyen auf Svalbard, wo Meldungen zu den Themen Stromkosten und Tourismus für negative und positive Energie gesorgt haben.

Ähnlich wie beim Nachbarn Island auf der Halbinsel Reykjanes brodelt es auch in Longyearbyen auf Svalbard schon seit längerem gewaltig unter der Oberfläche. Die Ursachen dafür sind aber keine natürlichen Prozesse, sondern menschliche Entscheidungen, die für die Bevölkerung von Longyearbyen einschneidende Auswirkungen auf ihr Alltagsleben haben.

Negative Energie gegenüber Energielieferant

Da wäre die Entscheidung des lokalen Energielieferanten Svalbard Energi AS, die Stromkosten zu erhöhen, um kostenneutral die rund 2’500 Einwohnerinnen und Einwohner mit Elektrizität zu versorgen. Dies hatte zur Folge, dass bei zahlreichen Haushalten die Rechnung massiv höher ausfiel als noch im Jahr zuvor. Berichten der lokalen Zeitung Svalbardposten nach, betrugen die Aufschläge nach Abzug der staatlichen Subvention, bis zu 120 Prozent auf die Vorjahresrechnungen. Ein Schock für viele Einwohnerinnen und Einwohner, die teilweise mehrere Jobs haben, um ihre Lebenskosten decken zu können. Entsprechend heftig fielen die Kommentare auf sozialen Medien und in E-Mails an den Gemeinderat als Reaktion auf die saftigen Preiserhöhungen aus.

Als Grund für die massiven Erhöhungen gab die Firma gestiegene Kosten an. Diese ergäben sich durch die neuen Dieselgeneratoren, die nach dem Kohleausstieg installiert worden sind, und die «betriebliche Herausforderungen» stellen. Ausserdem macht der Verwaltungsrat von Svalbard Energi AS gestiegene Dieselpreise ebenfalls mitverantwortlich. Insgesamt ständen der Firma am Ende rund 284 Millionen Kronen (ca. 24 Millionen Euro) an Kosten ins Haus, erklärte der Leiter des Verwaltungsausschusses in einer Sitzung Anfang letzter Woche.

Dem stehen neben den Einnahmen durch die Rechnungen auch eine (mittlerweile erhaltene) staatliche Stromsubvention von 125 Mio. Kronen (ca. 10.5 Mio. Euro), ein Investitionszuschuss von 42 Millionen Kronen (ca. 3.5 Mio. Euro) und auch noch ein Darlehen der Gemeinde Longyearbyen von 25 Mio. Kronen (ca. 2.1 Mio Euro) gegenüber. Letzteres wird jedoch aus Subventionsfond wieder zurückbezahlt. Am Ende, so der Leiter an der Sitzung, müssten Strom und Fernwärme nach dem Kostendeckungsprinzip betrieben werden, berichtet Svalbardposten in seiner Ausgabe am 20. Juli. Das bedeutet, dass fast 100 Mio. Kronen an Kosten von den knapp 2’500 Einwohnerinnen und Einwohner gedeckt werden müssen.

Aufgrund der zahlreichen negativen Kommentare und Beschwerden sah sich der Gemeinderat, der auch der Besitzer von Svalbard Energi AS ist, gezwungen, eine Sondersitzung einzuberufen. Am Ende dieser wurde beschlossen, dass die Rechnungen storniert und neu kalkuliert werden würden. Die Kalkulationen würden dann auf der Basis der bisherigen Tarifstruktur erstellt werden.

Trotzdem werden die Menschen in Longyearbyen sich im kommenden Jahr auf höhere Preise einstellen müssen. Davon sind sowohl Gemeinderat wie auch Svalbard Energi AS überzeugt. Denn statt auf der früher staatlich subventionierten Kohle muss die Firma nun Diesel aus einem «wettbewerbsfähigen internationalen Markt» beziehen. Auch die staatliche Stromsubvention, die den Löwenanteil der Einnahmen ausmacht, ist nicht mehr ausreichend. Der Betrag stammt noch aus dem Jahr 2012, also einer Zeit, in der mit «billigerer» Kohle produziert worden war und die Bevölkerungszahl von Longyearbyen rund 23 Prozent tiefer lag. Doch ob die Regierung in Oslo bereit ist, eine neue Entscheidung in diese Richtung zu fällen, ist fraglich.

Die Bewohner von Longyearbyen stehen grossen Kreuzfahrtschiffen sehr kritisch gegenüber und bevorzugen die kleinen Expeditionsschiffe mit ein paar hundert Gästen an Bord. Das zeigt eine Studie zweier norwegischer Forscherinnen. (Foto: Screenshot Port of Longyearbyen)

Positive Energie für Expeditionsschiffe

Eine andere Entscheidung, die im fernen Oslo gefällt wurde und das Leben der Menschen in Longyearbyen nachhaltig beeinflusst, war die strengere Regulierung des Tourismus auf Svalbard. Davon betroffen ist besonders der Kreuzfahrttourismus. Hier beschränkt die neue Strategie der Regierung die Aktivitäten auf ein paar Dutzend Landestellen, stellt strengere Vorschriften für die Schiffe auf, die Svalbard ansteuern dürfen und reglementiert auch die Aktivitäten von ortsansässigen Anbietern in vielerlei Hinsicht. Das Ziel, so die Strategie, ist ein stärkerer Schutz der arktischen Umwelt und der Bevölkerung vor einem zu stark anwachsenden Kreuzfahrttourismus und seinen negativen Auswirkungen.

Tatsächlich stehen viele Menschen klassischen Kreuzfahrtschiffen, die mit tausenden von Gästen nach Longyearbyen kommen, kritisch gegenüber. Das zeigt eine Studie, die letzte Woche vorgestellt wurde. Darin untersuchten zwei norwegische Forscherinnen Kristin Løseth und Agnes Brudvik Engeset im Auftrag von Visit Svalbard das Zusammenspiel zwischen lokaler Bevölkerung und Kreuzfahrtourismus und mögliche Toleranzgrenzen. Dabei kamen sie zum Schluss, dass die Bevölkerung in Longyearbyen generell Tourismus als wichtig für die wirtschaftliche Entwicklung erachtet, aber sich eher den Expeditionstourismus wünscht als die klassischen Kreuzfahrtschiffe. Erstere seien interessierter und respektvoller im Umgang und würden auch mehr Geld in die Kassen der lokalen Geschäfte bringen. Ausserdem belasten sie die Infrastruktur weniger stark, als wenn tausende von Menschen auf einen Schlag nach Longyearbyen kommen.

Diese Ergebnisse stehen in Einklang mit früheren Studien und Befragungen, die von Forschenden und auch von der AECO (Association of Arctic Expedition Cruise Operators) durchgeführt wurden und zu ähnlichen Ergebnissen gekommen waren.   

Gleichzeitig stellt sich in der Bevölkerung die Frage, wie man den wachsenden Tourismus mit Nachhaltigkeit in Einklang bringen kann, besonders unter dem Aspekt der steigenden Auswirkungen des Klimawandels. Das Stichwort hierbei ist «Toleranzgrenze». Eine solche zu erstellen, soll helfen, eine Art Gütesiegel für Longyearbyen als nachhaltiges Reiseziel zu entwickeln. Dabei sollen alle lokalen Interessengruppen, auch diejenigen ohne direkte Verbindung zum Tourismus, miteinbezogen werden, sagen die Forscherinnen. Diesem Ergebnis steht aber die Entscheidung der norwegischen Regierung in Sachen Tourismus auf Svalbard gegenüber. Hier fühlen sich viele der lokalen Interessengruppen übergangen. Auch die Betreiber von kleinen Expeditionsschiffen sehen den neuen Gesetzen und Regeln eher skeptisch entgegen. Eine differenziertere Strategie unter Berücksichtigung der Unterschiede zwischen klassischem und Expeditionskreuzfahrttourismus hätten viele begrüsst. Erste Anbieter haben deswegen (und auch aufgrund der steigenden Zahl an Anbietern) ihre Operationen von Svalbard weg nach Grönland verlagert.

Den übrigen schlägt aber wenigstens eine Welle positiver Energie entgegen.

Dr. Michael Wenger, Polar Journal AG

Einstiegsbild: Marcel Schütz, Svalbard Photography

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