Feuchte Tundra erhöht Parasitenrisiko für Rentiere

Neue Forschungsergebnisse zeigen, dass veränderte Feuchtigkeitsbedingungen in der Arktis die Übertragung von Parasiten auf Spitzbergen-Rentiere beeinflussen könnten. Damit rückt ein oft übersehener Effekt des Klimawandels in den Fokus.
Ein aktuelles Feldexperiment untersuchte das Verhalten von Ostertagia gruehneri, einem parasitären Fadenwurm, der häufig bei Spitzbergen-Rentieren vorkommt. Dieser Parasit besitzt ein frei lebendes Larvenstadium, das sich außerhalb des Wirts entwickelt und beim Grasen aufgenommen werden kann.
Die Forschenden untersuchten, wie Temperatur und Feuchtigkeit beeinflussen, wo diese infektiösen Larven in der Tundra vorkommen. Diese Verteilung ist entscheidend: Auf der Vegetation werden die Larven eher von grasenden Rentieren aufgenommen, im Boden sind sie deutlich weniger zugänglich.

Die Studie zeigt, dass Feuchtigkeit und nicht die Temperatur eine zentrale Rolle spielt. Unter feuchteren Bedingungen wurden deutlich mehr Larven auf der Vegetation gefunden, wo sie leichter von Rentieren aufgenommen werden können. Unter trockeneren Bedingungen hingegen fanden sich weniger Larven oberhalb des Bodens, was wahrscheinlich auf eingeschränkte Bewegung und erhöhte Sterblichkeit zurückzuführen ist.
Überraschenderweise hatte experimentelle Erwärmung kurzfristig keinen messbaren Einfluss auf die Anzahl der Larven im Boden oder auf der Vegetation. Das deutet darauf hin, dass Temperatur allein in diesem Bereich nicht bestimmt, wie leicht Parasiten von grasenden Tieren aufgenommen werden.
Die Ergebnisse zeigen, wie wichtig Niederschlag und Oberflächenfeuchte für das Parasitenrisiko sind und legen nahe, dass Veränderungen bei Regen und Schneeschmelze ebenso wichtig sein könnten wie die Erwärmung selbst. Da sich das arktische Klima nicht nur erwärmt, sondern auch feuchter und variabler wird, könnten kurzfristige Schwankungen der Feuchtigkeit zu veränderten Infektionsrisiken führen.

Parasiten wie O. gruehneri beeinflussen nachweislich den körperlichen Zustand und den Fortpflanzungserfolg von Rentieren. Veränderungen darin, wann und wie Tiere den Parasiten ausgesetzt sind, könnten daher ganze Bestände beeinflussen.
Indem sie die Wechselwirkungen zwischen Wirt und Parasit beeinflussen, können veränderte Umweltbedingungen auch arktische Ökosysteme insgesamt betreffen. Die Studie zeigt, dass man Klimafolgen für Wildtiere nicht nur über die Temperatur verstehen kann. Auch Wasser und lokale Umweltbedingungen spielen eine wichtige Rolle für das Krankheitsrisiko.
Léa Zinsli, PolarJournal