Geoengineering — eine Option, um den Meeresspiegelanstieg zu bremsen?
Ein neuer Bericht der University of Chicago stellt verschiedene Maßnahmen vor, die in der Zukunft das Schmelzen von Gletschern in der Arktis und Antarktis verlangsamen könnten, und diskutiert unter anderem die Umsetzbarkeit, die Finanzierung sowie ökologische und soziale Auswirkungen des sogenannten Geoengineering.
Wie ein Pflaster auf einer Wunde liegen bereits seit Jahren helle Planen auf Gletschern in den Alpen (z.B. auf dem Rhônegletscher in der Schweiz und dem Schneeferner auf der Zugspitze in Deutschland), die während des Sommers verhindern sollen, dass die Gletscher noch schneller schmelzen.
Könnten ähnliche Geoengineering-Maßnahmen — ein Sammelbegriff für großräumige technische Eingriffe des Menschen in geochemische oder biogeochemische Kreisläufe der Erde, die beispielsweise die Auswirkungen des Klimawandels abmildern sollen — auch in der Arktis oder Antarktis effektiv angewendet werden?
Eine Reihe internationaler Glaziologinnen und Glaziologen diskutierte diese Frage im vergangenen Herbst im Rahmen von zwei wissenschaftlichen Workshops. Das daraus resultierende Weißbuch mit einem Aufruf, in den kommenden Jahrzehnten zu erforschen, welche Interventionen zur Verlangsamung der Gletscherschmelze verwendet werden könnten und sollten, wurde am 11. Juli von der University of Chicago veröffentlicht.
Als eine Möglichkeit, die Gletscher vor dem Schmelzen zu schützen, werden «Unterwasser-Vorhänge» angeführt, die verhindern sollen, dass warmes Ozeanwasser an die Unterseite von Eisschelfen und Gletscherfronten gelangt und das Eis von unten schmilzt.
«Jeder, der Wissenschaftler ist, hofft, dass wir diese Forschung nicht machen müssen», sagte Douglas MacAyeal, Professor für geophysikalische Wissenschaften an der University of Chicago und Co-Autor des Weißbuchs, in einer Pressemitteilung der Universität. «Aber wir wissen auch, dass wir, wenn wir nicht darüber nachdenken, eine Chance verpassen könnten, der Welt in der Zukunft zu helfen.»
Die weltweit anhaltend hohen Kohlenstoffemissionen und der damit verbundene erwartete Meeresspiegelanstieg durch das rasche Abschmelzen von Gletschern und Eisschilden ließ solche Überlegungen überhaupt erst aufkommen. Der Bericht weist allerdings ausdrücklich daraufhin, dass das Wichtigste ist, den Kohlenstoffausstoß in die Atmosphäre drastisch zu senken. «Wir können nie oft genug sagen, dass dies die erste Priorität ist», betont John Moore, Professor am Arctic Center an der University of Lapland und Co-Autor des Berichts.
Die Umsetzung solcher Maßnahmen wird durchaus kontrovers diskutiert und die Kritiker argumentieren nicht nur, dass künstliche Vorhänge oder ähnliches viel zu hohe Kosten verursachen würden und logistisch kaum umsetzbar wären, sondern zweifeln auch deren Effektivität an.
Kipppunkte bereits überschritten?
Die Arktis und Antarktis beherbergen die größten Eismassen auf unserem Planeten. Daher spekulieren die Befürworter darüber, ob z.B. die Installation von einer Art Unterwasser-Vorhang entlang der großen und besonders gefährdeten Gletscherfronten das Schmelzen verlangsamen könnte.
Die Autoren des Weißbuchs sind sich der möglichen Folgen bewusst, die von hohen Kosten für wenig Wirkung bis hin zu erheblichen Störungen für die polaren Ökosysteme und sozialen Auswirkungen auf arktische indigene Gemeinschaften reichen. Sie betonen, dass es viele Fragen zu beantworten gibt, bevor solche Anstrengungen unternommen werden können.
«Es wird 15 bis 30 Jahre dauern, bis wir genug verstehen, um eine dieser Interventionen zu empfehlen oder auszuschließen», sagte Professor Moore und Professor MacAyeal fügt hinzu: «Unser Argument ist, dass wir jetzt mit der Finanzierung dieser Forschung beginnen sollten, damit wir auf dem Weg keine panischen Entscheidungen treffen, wenn uns das Wasser bereits bis an die Knöchel reicht.»
Derzeit kann niemand sagen, ob die Eisschilde nicht schon ihren Kipppunkt, wenn es denn einen gibt, überschritten haben und eventuelle Interventionen ohnehin zu spät kommen würden.
«Der Mensch hat bereits so viel Kohlendioxid freigesetzt, dass wir tiefgreifende Veränderungen in allen Gletschersystemen der Welt beobachten», so Professor MacAyeal. «Viele von ihnen werden wahrscheinlich einen Kipppunkt erreichen, an dem das System zusammenbrechen würde, selbst wenn wir morgen weltweit aufhören würden, Kohlenstoff zu emittieren. Und wir sind heute nicht in der Lage zu sagen, dass wir diesen Punkt nicht schon überschritten haben.»
Nicht ohne internationale Zusammenarbeit
Falls es jemals zu solchen Geoengineering-Maßnahmen kommen sollte, fordern die Autoren des Berichts «eine starke Beteiligung von Soziologen, Geisteswissenschaftlern, Ökologen, führenden Vertretern von Gemeinden, wissenschaftlichen und technischen Leitungsgremien, internationalen Vertragsorganisationen und anderen relevanten Interessengruppen an der Leitung der Forschung.»
Für eine Erprobung dieser Ansätze käme am ehesten die Arktis in Frage, da sie viel leichter zu erreichen ist als die Antarktis, wobei es hier einen anderen gewichtigen Aspekt zu beachten gilt: Tausende von Menschen leben in der Arktis, die für ihren Lebensunterhalt von ihr abhängig sind, insbesondere die indigenen Völker. «Es ist zwingend erforderlich, dass jede dieser Maßnahmen im Einklang mit diesen Stimmen durchgeführt wird», betont Professor Moore.
Ganz gleich wie groß die Vorsichtsmaßnahmen sein werden, bleibt wohl zu hoffen, dass wir in Zukunft auf diese «Pflaster» verzichten können und stattdessen weitere «Verletzungen» der Erde verhindern.
Julia Hager, Polar Journal AG
Link zum Weißbuch: https://climateengineering.uchicago.edu/wp-content/uploads/2024/05/Glacial-Climate-Intervention_A-Research-Vision.pdf


