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Grönlandhai: Wie kann ein Herz jahrhundertelang schlagen?

Heiner Kubny 11. Juni 2026 | Arktis, Grönland, Kanadische Arktis, Tiere
Grönlandhaie leben in den kalten Gewässern des Nordatlantiks und der Arktis, zum Beispiel rund um Grönland, Island und Kanada. Sie halten sich meist in großer Tiefe auf, oft mehrere hundert Meter unter der Oberfläche.

Der Grönlandhai (Somniosus microcephalus) ist mit einer geschätzten Lebensspanne von bis zu 500 Jahren das langlebigste bekannte Wirbeltier der Erde. Er stellt damit ein außergewöhnliches Modell für die Erforschung von Alterungsprozessen dar. Seine extreme Langlebigkeit geht mit einem sehr langsamen Wachstum, einem niedrigen Stoffwechsel, minimaler Aktivität und einer späten Geschlechtsreife einher, die erst nach etwa 150 Jahren erreicht wird. Diese Eigenschaften machen ihn besonders interessant für die Wissenschaft, da sie Hinweise darauf geben können, wie biologische Systeme über lange Zeiträume stabil bleiben.

Untersuchungen an langlebigen Tierarten zeigen, dass diese häufig über besonders effektive Mechanismen zur DNA-Reparatur, zur Krebsabwehr und zur Regulation des Immunsystems verfügen. Auch beim Grönlandhai deuten genetische Analysen darauf hin, dass Gene, die mit Entzündungshemmung und Zellschutz in Verbindung stehen, eine wichtige Rolle spielen. Solche Mechanismen könnten dazu beitragen, Schäden im Laufe der Zeit zu begrenzen oder zu reparieren.

Nahaufnahme eines Grönlandhais, aufgenommen am Rand einer Eisscholle im Admiralty Inlet, Nunavut. (Foto: NOAA)

Eine aktuelle Studie unter der Leitung von Alessandro Cellerino untersuchte erstmals detailliert das Herzgewebe dieses Grönlandhais. Dabei zeigte sich, dass das Herz deutliche Anzeichen von Alterung aufweist. Dazu gehören unter anderem Fibrose, also eine Vermehrung von Bindegewebe, die die Elastizität des Herzmuskels beeinträchtigen kann, sowie eine starke Anreicherung von Lipofuszin, einem Pigment, das sich als Abbauprodukt in alternden Zellen ansammelt. Zusätzlich fanden sich Hinweise auf Schäden an den Mitochondrien sowie vergrößerte Lysosomen, die für den Abbau von Zellbestandteilen verantwortlich sind. Auch erhöhte Werte von 3-Nitrotyrosin wurden festgestellt, was auf verstärkten oxidativen Stress hinweist.

Bemerkenswert ist jedoch, dass diese deutlichen Alterungserscheinungen offenbar nicht zu einem Funktionsverlust führen. Während vergleichbare Schäden beim Menschen schwerwiegende Folgen hätten, bleibt das Herz des Grönlandhais funktionsfähig. Die Tiere sind weiterhin aktiv und lebensfähig. Dies deutet darauf hin, dass der Grönlandhai nicht vor Alterung geschützt ist, sondern vielmehr in der Lage ist, deren Auswirkungen zu kompensieren.

Ein Grönlandhai mit dem Parasiten Ommatokoita elongata, der direkt auf seinem Auge sitzt – ein faszinierendes, zugleich unheimliches Beispiel für das Leben in der Tiefsee.

Die Ergebnisse legen nahe, dass seine außergewöhnliche Langlebigkeit vor allem auf einer hohen biologischen Widerstandsfähigkeit beruht. Diese sogenannte Resilienz beschreibt die Fähigkeit eines Organismus, trotz zunehmender Schäden seine lebenswichtigen Funktionen aufrechtzuerhalten. Der Grönlandhai scheint über besonders effiziente Systeme zu verfügen, die es ihm ermöglichen, Zellschäden zu tolerieren und gleichzeitig die Stabilität seiner Organe zu sichern.

Damit liefert die Forschung eine wichtige Erkenntnis: Ein langes Leben hängt nicht allein davon ab, Alterungsprozesse zu vermeiden, sondern vielmehr davon, wie gut ein Organismus mit ihnen umgehen kann. Das Verständnis dieser Mechanismen könnte langfristig neue Ansätze für gesundes Altern beim Menschen eröffnen.

Heiner Kubny, PolarJournal

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