Kochen am Ende der Welt: Alltag in der Antarktis

Eisige Winde, endlose Weiten aus Schnee und Temperaturen weit unter dem Gefrierpunkt, die Antarktis gehört zu den unwirtlichsten Orten der Erde. Doch mitten in dieser extremen Landschaft spielt sich jeden Tag eine stille, aber entscheidende Mission ab: das Kochen für diejenigen, die hier forschen und arbeiten. Im Zentrum dieses Geschehens steht Küchenchef Samuel Silva.
Wenn die meisten noch schlafen, ist Silva längst im Einsatz. Bereits um sieben Uhr morgens klappern Töpfe, zischt die Pfanne, und der Duft von frischem Essen breitet sich in der Station „Professor Julio Escudero“ aus. Während draußen die Kälte dominiert, wird drinnen mit Hochdruck gearbeitet. Frühstück und Mittagessen müssen gleichzeitig vorbereitet werden, für Dutzende Menschen, die auf ihre tägliche Portion Energie angewiesen sind.

Doch der Alltag ist alles andere als routiniert. Der Speisesaal fasst nur 30 Personen, doch nicht selten stehen plötzlich 80 hungrige Gäste vor der Tür. Dann beginnt ein logistischer Kraftakt: Schicht für Schicht wird gekocht, serviert, aufgeräumt, oft bis spät in die Nacht. „Es geht nicht nur ums Kochen“, erklärt Silva. „Am Ende muss alles wieder bereit sein für den nächsten Tag.“
Was seine Arbeit besonders macht, ist nicht nur die Umgebung, sondern auch die Verantwortung für das Wohlbefinden der Crew. In der Isolation der Antarktis wird Essen zu mehr als nur Nahrung. Es wird zum Trost, zur Motivation, zum Stück Zuhause. Ein frisch gebackener Burger oder eine einfache Pizza können hier Begeisterung auslösen, manchmal sogar Applaus.

Doch Kreativität ist überlebenswichtig. Frische Zutaten sind rar, Nachschub kommt selten. Was gekocht wird, entscheidet oft der Vorratsschrank. „Man arbeitet mit dem, was man hat“, sagt Silva. So entstehen aus Mangel manchmal überraschende Erfolge, wie ein improvisiertes Gericht aus Mais, das so gut ankam, dass es bald zum Favoriten wurde.
Auch besondere Ernährungsweisen stellen das Team vor Herausforderungen. Vegetarier und Veganer müssen berücksichtigt werden, obwohl frisches Gemüse knapp ist. Hülsenfrüchte werden so zu wichtigen Alternativen, und jedes Gericht verlangt neue Ideen.
Hinzu kommen technische Einschränkungen: Alles funktioniert elektrisch, offene Flammen sind keine Option. Viele klassische Kochmethoden fallen weg, Rezepte müssen angepasst werden. Improvisation gehört zum Alltag.
Trotz der harten Bedingungen sieht Silva in seiner Arbeit eine einzigartige Chance. Der tägliche Austausch mit Wissenschaftlern weckt seine Neugier, und gelegentlich verlässt er sogar die Küche, um selbst die Antarktis zu erkunden, Gletscher, Tierwelt und Fahrten im Zodiac-Boot inklusive. Erlebnisse, die ihn nachhaltig prägen.

Sein Weg hierher war ungewöhnlich: vom Koch zum Englischlehrer und wieder zurück in die Küche. Doch genau diese Erfahrungen haben ihn auf das vorbereitet, was ihn heute ausmacht, Anpassungsfähigkeit, Durchhaltevermögen und Leidenschaft.
Und wenn man ihn fragt, ob er zurückkehren würde? Seine Antwort kommt ohne Zögern: „Sofort.“
Rosamaria Kubny, PolarJournal