Krillfischerei und Beifang im Südlichen Ozean

Antarktischer Krill ist nicht nur die Grundlage eines einzigartigen marinen Ökosystems, sondern auch die Basis einer der größten Fischereien im Südlichen Ozean. Wie bereits in unserem vorherigen Artikel zur ökologischen Rolle des Krills gezeigt, bilden diese kleinen Krebstiere das Fundament des antarktischen Nahrungsnetzes. Jährlich werden mehrere hunderttausend Tonnen gefangen, hauptsächlich im südwestlichen Atlantik. Die Fischerei wird von der Kommission zur Erhaltung der lebenden Meeresschätze der Antarktis (Commission for the Conservation of Antarctic Marine Living Resources; CCAMLR) reguliert, die wirtschaftliche Nutzung und den Schutz mariner Ökosysteme in Einklang bringen soll.
Im Gegensatz zu vielen anderen Fischereien folgt die Krillfischerei einem ökosystembasierten Ansatz. Fanggrenzen werden dabei nicht nur zum Schutz des Krills selbst festgelegt, sondern auch zum Schutz der vielen Arten, die von ihm abhängen, darunter Pinguine, Robben und Wale. Alle Fangschiffe sind verpflichtet, wissenschaftliche Beobachter an Bord zu haben, die die Fänge überwachen und biologische Daten erheben. Derzeit liegt die jährliche Gesamtfangmenge für das Hauptfanggebiet bei rund 620’000 Tonnen, wobei die tatsächlichen Fänge in der Vergangenheit häufig darunter lagen, sich in den letzten Jahren jedoch diesem Wert angenähert haben.
Ein zentrales Konzept in diesem Zusammenhang ist das sogenannte „Trigger-Level“. Dabei handelt es sich um eine vorsorgliche Fangschwelle, die begrenzt, wie viel Krill gefangen werden darf, bevor strengere räumliche Managementmaßnahmen greifen. In der Praxis konzentriert sich die Fischerei häufig auf Gebiete mit besonders hoher Krilldichte, die zugleich wichtige Nahrungsgebiete für Räuber darstellen.
Seit 2024 sind jedoch wichtige räumliche Managementmaßnahmen ausgelaufen, nachdem sich die CCAMLR-Mitgliedsstaaten nicht auf eine Verlängerung einigen konnten. Weiterhin gilt eine Gesamtfanggrenze, jedoch ohne Vorgaben zur räumlichen Verteilung der Fangaktivitäten. Dies hat die Sorge verstärkt, dass sich die Fischerei stärker auf ökologisch sensible Regionen konzentrieren könnte.

Aktuelle Forschung zeigt, wie stark sich Fischereiaktivitäten und Tierwelt räumlich überschneiden können. Eine Studie, die akustische Daten von Krillfangschiffen auswertete, zeigte, dass Wale, Pinguine und Robben häufig in der Nähe aktiver Fanggebiete auftreten und dabei klare saisonale und regionale Muster zeigen.
Die Studie deutet zudem darauf hin, dass bestehende Schutzmaßnahmen nicht immer wie vorgesehen wirken. Maßnahmen, die darauf abzielen, Störungen brütender Pinguine in bestimmten Gebieten zu reduzieren, können die Fischerei in andere Regionen verlagern und dort möglicherweise häufiger zu Überschneidungen mit Wildtieren führen.
Ein weiteres Thema ist der Beifang, also der unbeabsichtigte Fang von Nicht-Zielarten. Obwohl Krillnetze auf kleine Organismen ausgelegt sind, können auch Fische, insbesondere in frühen Entwicklungsstadien, mitgefangen werden. Eine aktuelle Studie, die visuelle Bestimmungsmethoden mit genetischen Analysen kombinierte, zeigte, dass die Artenvielfalt im Beifang bislang unterschätzt wurde und mehr Arten vorkommen als bisher angenommen.
Auch wenn die Beifangmengen im Vergleich zu vielen anderen Fischereien gering sind, zeigen diese Ergebnisse, wie wichtig eine bessere Beobachtung und Dokumentation sind. Gleichzeitig machen sie deutlich, dass es noch grundlegende Unsicherheiten gibt, wie sich die Fischerei auf das gesamte Ökosystem auswirkt.

Wissenschaftler weisen zudem darauf hin, dass das derzeitige Management nur begrenzt auf Umweltveränderungen eingeht. Krillbestände können von Jahr zu Jahr stark schwanken, und klimabedingte Veränderungen von Meereis und ozeanischen Bedingungen beeinflussen Verbreitung und Fortpflanzung. Die aktuellen Fanggrenzen basieren weitgehend auf historischen Daten und berücksichtigen diese Dynamik nur unzureichend.
Vor diesem Hintergrund plädieren Forschende für stärker adaptive Ansätze, die der Komplexität des Ökosystems im Südlichen Ozean besser gerecht werden. Dazu gehört unter anderem, ökologische Daten stärker in Managemententscheidungen einzubeziehen und Fangschiffe selbst als Plattformen für die Datenerhebung zu nutzen.
Die Krillfischerei im Südlichen Ozean bleibt streng reguliert, steht jedoch zugleich im Mittelpunkt einer anhaltenden wissenschaftlichen und politischen Debatte. Entscheidend wird sein, besser zu verstehen, wie Fischerei, Tierwelt und Umweltveränderungen zusammenwirken, um das Ökosystem des Südlichen Ozeans langfristig zu erhalten.
Léa Zinsli, PolarJournal