Meerwasser als Zeuge des Wandels auf Spitzbergen

Die Arktis erwärmt sich schneller als der globale Durchschnitt, und Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler suchen nach neuen Wegen, um zu verstehen, wie Wildtiere auf diese Veränderungen reagieren. Eine neue Studie aus Spitzbergen deutet darauf hin, dass die Antwort im Wasser selbst liegen könnte.
Mithilfe von Umwelt-DNA, kurz eDNA, untersuchten Forschende marine Wirbeltiere in unterschiedlichen Lebensräumen entlang der Westküste Spitzbergens. Jedes Tier hinterlässt genetische Spuren in seiner Umgebung, etwa durch Hautzellen, Schleim, Schuppen oder Ausscheidungen. Durch das Filtern von Meerwasser und die Analyse der darin enthaltenen DNA lassen sich Arten nachweisen, ohne Tiere fangen oder stören zu müssen.

Während einer zehntägigen Expedition im Juni 2025 sammelte das Team kontinuierlich Meerwasserproben an 16 Standorten entlang der Westküste Spitzbergens, darunter Gletscherfronten, Walross-Rastplätze, Häfen, flache Küstenbereiche und Offshore-Gewässer. Insgesamt konnten 36 verschiedene Wirbeltiergruppen nachgewiesen werden, darunter Fische, Seevögel, Robben und Wale sowie sogar Spuren von Landtieren wie Polarfüchsen und Rentieren nahe der Küste.
Besonders überrascht waren die Forschenden davon, wie unterschiedlich benachbarte Lebensräume ausfielen. Statt überall dieselben Arten zu finden, zeigte die Studie einen starken Wechsel der Gemeinschaften zwischen verschiedenen Lebensräumen, selbst über kurze Distanzen hinweg. Häfen und Walross-Rastplätze wiesen besonders artenreiche und evolutionär vielfältige Gemeinschaften auf, während von Gletschern beeinflusste Gewässer von weniger und enger verwandten Arten dominiert wurden. An den Gletscherstandorten fanden sich zudem charakteristische arktische Arten wie Dreizehenmöwen, Küstenseeschwalben, Sattelrobben und Zwergwale.

(Abbildung: Haderlé et al. 2026, Polar Biology)
Einige Nachweise könnten auch den zunehmenden Einfluss des Klimawandels in der europäischen Arktis widerspiegeln. Das Auftreten von Arten wie Seehunden und Stichlingen passt zu größeren ökologischen Veränderungen, die mit wärmerem Atlantikwasser zusammenhängen, das zunehmend nach Norden in Richtung Spitzbergen strömt.
Die Studie zeigt außerdem, dass eDNA-Methoden selbst unter schwierigen arktischen Bedingungen zuverlässig funktionieren können. Viele der genetischen Nachweise stimmten mit visuellen Beobachtungen und akustischen Aufzeichnungen während der Expedition überein, was das Vertrauen in die Methode stärkt.
Die Ergebnisse verdeutlichen sowohl die Fragilität arktischer Ökosysteme als auch die Herausforderungen ihrer Erforschung. Große Teile Spitzbergens stehen unter Schutz, Feldforschung ist teuer und Tierbeobachtungen werden häufig durch Wetter, Meereis und die Abgeschiedenheit der Region erschwert. In diesem Zusammenhang bietet eDNA einen bemerkenswert einfachen Ansatz: Meerwasser kann als biologisches Archiv der Tiere dienen, die sich durch diese Gewässer bewegen. Während sich die Arktis weiter verändert, könnten diese unsichtbaren Spuren helfen, ökologische Veränderungen lange bevor sie für das menschliche Auge sichtbar werden zu erkennen.
Léa Zinsli, PolarJournal