Tropische Wärme lässt die Antarktis wachsen

Die Antarktis verliert seit Jahrzehnten große Mengen Eis. Doch zwischen 2021 und 2023 geschah etwas Überraschendes: Der Eisschild gewann innerhalb von nur 22 Monaten rund 695 Milliarden Tonnen Masse hinzu. Eine neue Studie zeigt nun, dass der Auslöser Tausende Kilometer entfernt in den tropischen Meeren lag.
Besonders stark war die Zunahme in der Ostantarktis, vor allem in Queen Mary Land und Wilkes Land. Dort fiel über längere Zeit außergewöhnlich viel Schnee. Die zusätzlichen Schneemassen waren so groß, dass sie die gleichzeitig anhaltenden Eisverluste in anderen Teilen der Antarktis zeitweise mehr als ausgleichen konnten. Die 695 Milliarden Tonnen stellen die größte Massenzunahme innerhalb eines vergleichbaren Zeitraums seit Beginn der GRACE-Satellitenmessungen 2003 dar.
Die Erklärung liefert die Originalstudie von Yunhe Wang, Qinghua Ding, Xichen Li und weiteren Forschenden, die am 19. August 2026 in Nature unter dem Titel Multiyear tropical warm pool warming drives slowdown in Antarctic mass loss veröffentlicht wurde. Das internationale Team kombinierte Satellitenmessungen der Erdgravitation mit Klimamodellen, atmosphärischen Beobachtungen und Daten aus antarktischen Eisbohrkernen.

Ursache liegt in den Tropen
Zwischen 2021 und 2023 erwärmte sich der sogenannte tropische Warm Pool im westlichen Pazifik und östlichen Indischen Ozean ungewöhnlich stark und langanhaltend. Die hohen Meerestemperaturen veränderten die atmosphärische Zirkulation und lösten eine Kette sogenannter Rossby-Wellen aus, die sich bis in hohe südliche Breiten fortsetzte.
Über der Ostantarktis entstand dadurch eine besondere Druckverteilung. Sie transportierte große Mengen Feuchtigkeit vor allem aus dem mittleren Indischen Ozean Richtung Antarktis und sorgte über Queen Mary Land und Wilkes Land für außergewöhnlich starke Schneefälle.
Eine Trendwende ist das allerdings nicht. Von 2003 bis 2024 verlor der antarktische Eisschild im Durchschnitt etwa 140,5 Milliarden Tonnen Masse pro Jahr. Auch die Westantarktis verliert weiterhin Eis, unter anderem durch warmes Meerwasser, das Schelfeise von unten abschmilzt und den Abfluss der Gletscher beschleunigt.
Ähnliche mehrjährige Erwärmungen des tropischen Warm Pools treten den Forschenden zufolge ungefähr einmal pro Jahrzehnt auf. Der ungewöhnliche Eisgewinn dürfte deshalb ein vorübergehendes Ereignis sein und keine dauerhafte Erholung des antarktischen Eisschildes darstellen.
Die Studie macht zugleich deutlich, wie eng das Klimasystem der Erde miteinander verbunden ist: Temperaturveränderungen in tropischen Meeren können Tausende Kilometer entfernt beeinflussen, wie viel Schnee auf die Antarktis fällt, und damit sogar kurzfristig die Massenbilanz des größten Eisschildes der Erde verändern.
Heiner Kubny, PolarJournal