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Tropische Wärme lässt die Antarktis wachsen

Heiner Kubny 15. September 2026 | Antarktis, Forschung, Ost-Antarktis, West-Antarktis, Wissenschaft
Satellitenblick auf das Totten-Schelfeis in der Ostantarktis. Die zerklüftete Eisoberfläche trifft auf Meereis und offene Wasserflächen, die im Satellitenbild schwarz erscheinen. Der Totten-Gletscher gehört zu den bedeutendsten Abflussgebieten des ostantarktischen Eisschildes und reagiert empfindlich auf Veränderungen von Ozean und Atmosphäre. (Foto: NASA -MODIS, Satellit Aqua)

Die Antarktis verliert seit Jahrzehnten große Mengen Eis. Doch zwischen 2021 und 2023 geschah etwas Überraschendes: Der Eisschild gewann innerhalb von nur 22 Monaten rund 695 Milliarden Tonnen Masse hinzu. Eine neue Studie zeigt nun, dass der Auslöser Tausende Kilometer entfernt in den tropischen Meeren lag.

Besonders stark war die Zunahme in der Ostantarktis, vor allem in Queen Mary Land und Wilkes Land. Dort fiel über längere Zeit außergewöhnlich viel Schnee. Die zusätzlichen Schneemassen waren so groß, dass sie die gleichzeitig anhaltenden Eisverluste in anderen Teilen der Antarktis zeitweise mehr als ausgleichen konnten. Die 695 Milliarden Tonnen stellen die größte Massenzunahme innerhalb eines vergleichbaren Zeitraums seit Beginn der GRACE-Satellitenmessungen 2003 dar.

Die Erklärung liefert die Originalstudie von Yunhe Wang, Qinghua Ding, Xichen Li und weiteren Forschenden, die am 19. August 2026 in Nature unter dem Titel Multiyear tropical warm pool warming drives slowdown in Antarctic mass loss veröffentlicht wurde. Das internationale Team kombinierte Satellitenmessungen der Erdgravitation mit Klimamodellen, atmosphärischen Beobachtungen und Daten aus antarktischen Eisbohrkernen.

Die Karte zeigt die Veränderung der Eismasse in der Antarktis zwischen 2020 und 2024. Blaue Regionen verzeichneten eine Massenzunahme, vor allem durch außergewöhnlich starke Schneefälle, während rote Gebiete – insbesondere in der Westantarktis – weiterhin deutlich Eis verloren. Die kurzfristigen Zuwächse bedeuten daher keine generelle Trendwende beim langfristigen Eisverlust. (Grafik: nach ESA / Daten: Satelliten-Gravimetrie, Bearbeitung PolarJournal)

Ursache liegt in den Tropen

Zwischen 2021 und 2023 erwärmte sich der sogenannte tropische Warm Pool im westlichen Pazifik und östlichen Indischen Ozean ungewöhnlich stark und langanhaltend. Die hohen Meerestemperaturen veränderten die atmosphärische Zirkulation und lösten eine Kette sogenannter Rossby-Wellen aus, die sich bis in hohe südliche Breiten fortsetzte.

Über der Ostantarktis entstand dadurch eine besondere Druckverteilung. Sie transportierte große Mengen Feuchtigkeit vor allem aus dem mittleren Indischen Ozean Richtung Antarktis und sorgte über Queen Mary Land und Wilkes Land für außergewöhnlich starke Schneefälle.

Gewinn und Verlust im antarktischen Eisschild: Satellitendaten von ICESat-2 zeigen die Veränderung der Eishöhe zwischen Januar 2020 und April 2025. Rot markiert sinkende, Blau steigende Eisoberflächen. Während vor allem große Auslassgletscher der Westantarktis weiter an Höhe verlieren, nahm die Eisoberfläche in einigen Regionen durch stärkeren Schneefall und Veränderungen der Eisdynamik zu. (Animation: NASA Scientific Visualization Studio / ICESat-2)

Eine Trendwende ist das allerdings nicht. Von 2003 bis 2024 verlor der antarktische Eisschild im Durchschnitt etwa 140,5 Milliarden Tonnen Masse pro Jahr. Auch die Westantarktis verliert weiterhin Eis, unter anderem durch warmes Meerwasser, das Schelfeise von unten abschmilzt und den Abfluss der Gletscher beschleunigt.

Ähnliche mehrjährige Erwärmungen des tropischen Warm Pools treten den Forschenden zufolge ungefähr einmal pro Jahrzehnt auf. Der ungewöhnliche Eisgewinn dürfte deshalb ein vorübergehendes Ereignis sein und keine dauerhafte Erholung des antarktischen Eisschildes darstellen.

Die Studie macht zugleich deutlich, wie eng das Klimasystem der Erde miteinander verbunden ist: Temperaturveränderungen in tropischen Meeren können Tausende Kilometer entfernt beeinflussen, wie viel Schnee auf die Antarktis fällt, und damit sogar kurzfristig die Massenbilanz des größten Eisschildes der Erde verändern.

Heiner Kubny, PolarJournal

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