Wal-Invasion vor Ostgrönland

Vor der Ostküste Grönlands hat sich das marine Ökosystem in den vergangenen Jahrzehnten deutlich verändert. Finnwale, Buckelwale und Zwergwale, die dort früher eher selten waren, erscheinen inzwischen jeden Sommer zu Tausenden. Für 2024 schätzen Forschende rund 4.000 Buckelwale, 5.000 bis 6.000 Finnwale und mehr als 6.000 Zwergwale. Insgesamt halten sich damit etwa 16.000 Bartenwale in den Gewässern vor Ostgrönland auf.

Besonders auffällig waren Beobachtungen im August 2025 an der Blosseville-Küste. Dort wurden gleichzeitig Gruppen von bis zu 50 Buckelwalen gesichtet. Solche Ansammlungen waren in der Region vor wenigen Jahrzehnten kaum vorstellbar.
Eine wichtige Ursache ist der Klimawandel. Seit Ende der 1990er-Jahre sind die Gewässer vor Ostgrönland wärmer geworden, während sich das sommerliche Meereis weiter nach Norden zurückzieht. Dadurch werden Küstengebiete für die Wale zugänglich. Entscheidend ist jedoch vor allem das Nahrungsangebot: Lodden und andere Schwarmfische haben ihre sommerlichen Lebensräume zunehmend von Island in Richtung Grönlandsee verlagert. Auch Krill dient den Walen als wichtige Nahrung.

Die drei Walarten könnten während ihres etwa viermonatigen Aufenthalts zusammen rund eine Million Tonnen Beute fressen. Dadurch werden sie zu einem wichtigen Bestandteil des Nahrungsnetzes.
Die Forschenden sprechen von einer schnellen „Borealisierung“ des Ökosystems. Arten aus wärmeren Gewässern breiten sich nach Norden aus und treffen auf typische arktische Bewohner wie Narwale. Der Wandel könnte langfristig das gesamte Nahrungsnetz Ostgrönlands beeinflussen.
Rosamaria Kubny, PolarJournal