Warum die Antarktis lange vor der Arktis vereiste

Warum vereiste die Antarktis bereits vor rund 34 Millionen Jahren, während große Teile der Arktis noch viele Millionen Jahre weitgehend eisfrei blieben? Eine internationale Studie liefert eine überraschende Erklärung: Prozesse tief im Erdinneren hoben die Ostantarktis an und schufen damit entscheidende Voraussetzungen für die Entstehung des mächtigen Eisschildes.
Sinkende Kohlendioxidkonzentrationen gelten als wichtiger Auslöser der damaligen globalen Abkühlung. Doch damit ließ sich bislang nicht vollständig erklären, weshalb sich ausgerechnet in der Antarktis so früh gewaltige Eismassen bilden konnten.
Ein internationales Forschungsteam unter Leitung der University of Southampton kommt nun zu dem Schluss, dass die Landschaft selbst eine entscheidende Rolle spielte. Die Originalstudie unter Leitung von Thomas M. Gernon erschien 2026 in der Fachzeitschrift Science. Demnach hoben sogenannte Mantelwellen im Erdinneren Teile der Ostantarktis über Millionen Jahre langsam an. Dadurch entstanden beziehungsweise erhöhten sich große Hochplateaus und Gebirge, darunter die heute unter kilometerdickem Eis verborgenen Gamburtsev Mountains.

Die Forschenden rekonstruierten mit Computermodellen die Entwicklung der antarktischen Landschaft über rund 100 Millionen Jahre. Vor etwa 50 Millionen Jahren lagen große Teile der Gamburtsev Mountains noch unter 1.500 Metern. Bis vor rund 34 Millionen Jahren erreichten dagegen weite Gebiete Höhen von mehr als 2.000 Metern.
Dort konnte Schnee auch während des antarktischen Sommers liegen bleiben. Aus dauerhaften Schneefeldern entstanden zunächst Gebirgsgletscher, die wuchsen, sich ausbreiteten und schließlich zu immer größeren Eisflächen verschmolzen.
Mit der zunehmenden Vergletscherung verstärkte sich die Abkühlung zusätzlich. Schnee und Eis reflektieren wesentlich mehr Sonnenstrahlung als dunkler Fels. Dieser Eis-Albedo-Effekt begünstigte wiederum die weitere Ausbreitung des Eises über den Kontinent.

Der Vergleich mit der Arktis zeigt einen entscheidenden Unterschied: In den hohen nördlichen Breiten fehlten damals vergleichbar große und hoch gelegene Landflächen, auf denen sich dauerhaft Schnee sammeln und große Gletscher entwickeln konnten. Trotz der globalen Abkühlung entstand dort deshalb zunächst kein ähnlich mächtiger Eisschild. Die großräumige Vereisung der Nordhalbkugel setzte erst viele Millionen Jahre später ein.
Die Ergebnisse zeigen, dass Tektonik, Landschaft und Klima gemeinsam die frühe Vereisung der Antarktis ermöglichten. Das Erdinnere bereitete gewissermaßen die Bühne, auf der sich später der gewaltige ostantarktische Eisschild entwickeln konnte.
Heiner Kubny, PolarJournal