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Welttag für Gletscher – Ein Aufruf zum Klimaschutz in ungewissen Zeiten

Dr. Irene Quaile-Kersken 25. März 2025 | Arktis, Gastartikel

Die Gletscher der Welt schwinden zunehmend rascher. Das bedeutet Verluste an Süßwasserressourcen, eine Beschleunigung des Meeresspiegelanstiegs und eine Zunahme an lebensbedrohlichen Erdrutschen und Fluten. In manchen Regionen hat der Eisverlust die schlimmsten Szenarien des Weltklimarats bereits übertroffen. Nur eine schnelle Reduzierung des Treibhausgasaustoßes kann Abhilfe schaffen.

Foto: Irene Quaile

Meine erste Bekanntschaft mit Gletschern machte ich in den siebziger Jahren beim Wandern zwischen den Viertausendern im Wallis. Mit Ehrfurcht blickte ich auf die glitzernden Eismassen. Dann der Kontrast zu den grauen Ablagerungen an den Rändern und an den Enden. Seitdem hat sich viel verändert. Die Gletscher gehen zurück. Von manchen langen Gletscherzungen bleibt nur noch das Graue übrig.

Welttag der Gletscher – ein Anlass zum Feiern?

Der 21. März 2025 wurde von der UNO zum ersten Welttag der Gletscher erklärt. Ein Tag zum Feiern? Ja. Wir sollten die Gletscher feiern. Sie sind unerlässlich für die Erhaltung des Lebens auf der Erde. Es gibt mehr als 275.000 Gletscher in der Welt. Zusammen mit den großen Eisschilden bedecken sie um die 700.000 km² unseres Planeten und speichern um die 70 % unseres Süßwassers. Mehr als 2 Milliarden Menschen sind auf Schmelzwasser von Schnee und Gletschern für Wasser angewiesen. 

Gleichzeitig zerstören wir aber dieses lebenserhaltende Eis immer schneller, indem wir das globale Klima aufheizen. Ein Drittel der Gletscher könnte bis 2050 verschwinden, so die UN. Deshalb wurde dieser Welttag ausgerufen, um das globale Bewusstsein für die Bedeutung von Gletschern im Klimasystem und Wasserkreislauf zu stärken und auf die Folgen des Gletscherschwunds aufgrund der globalen Erwärmung aufmerksam zu machen. Das heißt: wir müssen den Treibhausgasausstoß umgehend drastisch reduzieren. 

Inmitten so vieler Krisen in der Welt sei es Ihnen vergeben, wenn Sie es noch nicht registriert haben: Das ganze Jahr 2025 wurde zum Internationalen Jahr der Erhaltung der Gletscher erklärt. Laut der Weltwetterbehörde WMO sowie der UNESCO soll dies als „Globaler Aufruf zum Handeln“ gelten, „um das für die Erde lebensnotwendige Eis zu erhalten“. Wir befänden uns in einem „kritischen Moment für die Kryosphäre“. Die Gletscher zu erhalten bedeute auch Kultur und Leben zu schützen, so die WMO.

Alarmierender Eisverlust in nur 20 Jahren 

Die Botschaft dieses Aktionsjahrs illustrierte auf dramatische Weise eine bahnbrechende Analyse der Gletscher weltweit, die am 19. Februar 2025 in der Zeitschrift Nature erschien. Das internationale Team um Forscher der Universität Zürich (UZH) analysierte Daten der letzten zwei Jahrzehnte – noch nicht mal ein Augenzwinkern in der Erdgeschichte. Diese Untersuchung: Glacier Mass Balance Intercomparison Exercise (GlaMBIE), fand heraus, dass Gletscher weltweit in einem alarmierenden Tempo Eis verlieren, durchschnittlich 270 Milliarden Tonnen jährlich von 2000 bis 2023. Die Schmelzrate habe sich in den letzten Jahren signifikant beschleunigt. Seit 2000 hätten Berggletscher sogar mehr Eis verloren als der grönländische Eisschild und mehr als doppelt so viel wie der Antarktiseisschild. 

Damit sind Gletscher in den letzten zwei Jahrzehnten zu einer der Hauptquellen des Meeresspiegelanstiegs geworden, an zweiter Stelle nach der thermischen Ausdehnung durch die Erwärmung des Ozeans.

Außerdem bedeutet die Gletscherschmelze den Verlust von lebensnotwendigem Süßwasser in vielen Regionen der Welt, sagt Leitautor Michael Zemp von der UZH. Man verliere in einem einzigen Jahr so viel Wasser, wie die gesamte Weltbevölkerung in 30 Jahren konsumiere, so Zemp weiter.

Schlimmer als die Worst-Case-Szenarien

Was den Meeresspiegelanstieg angeht, seien die Arktis und Antarktis mit ihren riesigen Gletschergebieten die Hauptfaktoren, so UZH Glaziologin Inés Dussaillant. Alaska alleine steuere fast ein Viertel des Beitrags durch Gletscher bei.

In einigen Regionen wie den südlichen Anden oder Neuseeland übertrifft der Gletscherverlust bereits die schlimmsten Szenarien für das Jahr 2024, so die Analyse.

Regionen mit kleineren Eisflächen, wie die europäischen Alpen und die Pyrenäen verzeichnen den größten relativen Massenverlust. Dort ging schockierenderweise 40 Prozent des Eises in nur 23 Jahren verloren, sagte Glaziologin Heïdi Sevestre vom Arctic Monitoring and Assessment Programme (AMAP), in einer Präsentation für die International Cryosphere Climate Initiative (ICCI) anlässlich des Welttags für Gletscher. Die rasche Beschleunigung des Eisverlusts sei viel extremer als „dramatisch“, so die Eisexpertin.

Wenn der Klimaschutz sich nicht rasch verbessere, stünden die Gletscher vor einem fortschreitenden und möglicherweise noch schnelleren Eisverlust bis zum Ende dieses Jahrhunderts, so ICCI.

Der Globale Klimabericht der UN-Wetterbehörde (WMO), der am 19. März 2025 veröffentlicht wurde, bestätigt die Analyse der Forschergruppe. Der Zeitraum zwischen 2022 und 2024 war für Gletscher die „negativste jemals über drei Jahre aufgezeichnete Jahresmassenbilanz“, so der Bericht. Sieben der 10 negativsten Jahre seit 1950 seien seit 2016 gemessen worden. 

Norwegen, Schweden, Svalbard sowie die tropischen Anden waren besonders stark betroffen. 

Iceblogger besucht die zerbrechliche Schönheit der Gletscher in Svalbard. Foto: Irene Quaile

Der Gletscherrückgang führt zu mehr kurzfristigen Gefährdungen, wirtschaftlichen und ökologischen Schäden sowie Risiken für die langfristigen Wasservorräte, so die Wetter- und Klimaexperten der UNO. 

Die Gründe sind klar. Die klaren Zeichen vom menschengemachten Klimawandel haben laut den Wissenschaftlern 2024 neue Dimensionen erreicht. Das Jahr sei allen Anzeichen nach das erste Kalenderjahr, in dem die globale Temperatur mehr als 1.5°C über dem Durchschnitt des vorindustriellen Zeitalters lag.

Globale Durchschnittstemperatur von 1850 – 2024

Energieriese wegen Klimaerwärmung vor Gericht

In diesen Tagen wurde in Hamm, Deutschland ein Prozess fortgeführt, in dem ein peruanischer Bauer und Bergführer den Energiekonzern RWE wegen der Gletscherschmelze verklagt. Saul Luciano Lliuya macht RWE für ihren Anteil an den Emissionen verantwortlich, die einen Gletscher oberhalb seines Hauses schmelzen lässt. 

Hearings began Monday in a landmark climate case in Hamm, Germany, where a Peruvian farmer is suing energy giant RWE over its role in warming.Read more: bit.ly/4iV4KCR

Yale Environment 360 (@yalee360.bsky.social) 2025-03-17T14:37:25.238Z

Prozess hat bereits Rechtsgeschichte geschrieben

Im November 2017 hatte der Peruaner bereits einen Etappensieg errungen. Völlig überraschend hatte das Oberlandesgericht Hamm damals die Möglichkeit in Betracht gezogen, dass ein deutsches Unternehmen für die Folgen des Klimawandels in anderen Gegenden der Erde haften muss. Bislang hatten Gerichte von vornherein ausgeschlossen, dass von Vielen verursachte Emissionen einzelnen Verursachern zugeordnet werden können.

Das Urteil wird am 14. April erwartet. Selbst wenn der Peruaner in diesem Fall nicht recht bekomme, bereite der Prozess den Weg für weitere Klagen gegen Klimaverschmutzer weltweit vor, sagte Seb Duyck vom Center for International Climate Law, im Gespräch mit Yale School of the Environment. Gemeinden würden zunehmend Kompensation für Klimaschäden einklagen.

2025: Nicht nur das Jahr der Gletscher

Leider wird dieses Jahr– und wir haben gerade ein Viertel davon hinter uns – nicht nur wegen der Gletscher in die Geschichte eingehen. Der CO2-Anteil in der Erdatmosphäre erreichte zum ersten Mal seit Anfang der Aufzeichnung – und wahrscheinlich zum ersten Mal in drei Millionen Jahren – 430 ppm. Die International Cryosphere Climate Initiative bezeichnet dies als Alarmsignal „dass die heutigen Emissionen aus fossilen Brennstoffen das Klima in immer größere und tödlichere Extreme hineintreiben“. 

Die Erreichung dieser Marke sollte vor allem wegen der Entwicklungen bei Gletschern und Eisschilden ein Weckruf sein, erklärte James Kirkham, Chefwissenschaftler der Ländergruppe Ambition on Melting Ice, der sowohl Deutschland als auch Peru angehören.

430ppm sollten nach dem Weltklimarat (IPCC) idealerweise das maximale Niveau sein, das erreicht wird, bevor die Emissionen zurückgehen.

For the first time ever, recorded atmospheric CO₂ has exceeded 430ppm! The last time CO₂ consistently reached today’s human-driven levels was ∼14 Million years ago, with shorter periods of similar levels around 3-5 Million years ago.1/3

Dr. Thomas Ronge (@thomasronge.bsky.social) 2025-03-08T17:37:44.228Z

IPCC Leitautor Joeri Rogelj, vom Imperial College London beschrieb das Erreichen der 430ppm-Marke als „tragische Schwelle“, die die Notwendigkeit für sofortige Emissionsminderungen belege. Er betont, dass es unabdinglich – und auch noch machbar – sei, den Temperaturanstieg „in der Nähe von 1.5°C“ zu begrenzen.

US Präsident im Angriff gegen Klimaschutz und Wissenschaft

Die möglicherweise alarmierendste Entwicklung für unseren Bemühungen, Gletscher, Kryosphäre und den Planeten als Ganzen zu schützen, ist das Verhalten der US-Regierung unter Präsident Donald Trump. 2025 ist leider auch das Jahr, in dem Trump nicht gegen die globale Erwärmung, sondern gegen die Klimawissenschaften selbst Krieg führt. 

"Stand Up for Science: Nationwide Protests Oppose Trump Cuts to Research from Cancer to Climate Change" | Features me and other #StandUpForScience speakers at Friday's DC rally, via @democracynow.org: www.democracynow.org/2025/3/10/st…

Michael E. Mann (@michaelemann.bsky.social) 2025-03-10T16:42:04.955Z

Wie Carolina Adler von der Mountain Research Initiative bei der Eröffnung International Year of Glaciers’ Preservation erklärte: „Den Gletschern ist es egal, ob wir an die Wissenschaft glauben oder nicht. In der Hitze schmelzen sie ganz einfach“. 

Kriege und Konflikte lenken sowohl die Aufmerksamkeit als auch die notwendigen Finanzmittel vom Klimaschutz ab und treiben die Emissionen noch weiter in die Höhe; die Datenerfassung und -analyse werden von Kürzungen durch die US-Behörden beeinträchtigt; klimaskeptische rechte politische Gruppen gewinnen in den unterschiedlichsten Ländern an Popularität. Gleichzeitig warnt die WMO vor zunehmenden Wetter- und Klimaextremen. Es sind schwierige Zeiten, um den Gletschern die Aufmerksamkeit und die Ressourcen zukommen zu lassen, die sie im Interesse unserer Zukunft verdienen. 

🧵Less than 2 wks ago CO2 reading from Mauna Loa exceeded 430 ppm, levels that haven’t been that high in 3-5 million years.Now Trump & Musk want to shutter the lab that collects the data.One of the most important scientific labs in the country and the world, plus 33 other scientific facilities.

Denise Wheeler (@denisedwheeler.bsky.social) 2025-03-17T20:00:42.505Z

Gletscherschutz ist Planetenschutz

Das Jahr zur Erhaltung der Gletscher soll „die internationale Gemeinschaft mobilisieren, zum Handeln inspirieren und Politik und Lösungen antreiben, um diese Ressourcen von unschätzbarem Wert zu schützen“, hieß es im Aufruf zum Weltgletscherjahr.

Ein schwieriges Unterfangen in diesen Zeiten. Umso mehr müssen wir unsere Bemühungen verstärken. Schließlich geht es nicht um einen Tag oder ein Jahr – und auch nicht nur um Gletscher.

Das letzte Jahr war das wärmste seit Anfang der Aufzeichnungen vor 175 Jahren. Der Bericht zum Zustand des Weltklimas 2024 betont die massiven wirtschaftlichen und sozialen Turbulenzen, die durch Wetterextreme verursacht werden, sowie die langfristigen Auswirkungen von Rekordtemperaturen im Ozean sowie vom Meeresspiegelanstieg. 

Wir sehen klare Signale, dass die Erde schneller und intensiver als vorhergesagt auf den Ausstoß von fossilen Brennstoffen reagiert, erklärt die International Cryosphere Climate Initiative.

Die Zeit ist reif. Vielleicht geht es um: „Jetzt oder nie“. Unsere Gletscher zu erhalten heißt die rasant fortschreitende Klimaerwärmung aufzuhalten – mit allen damit verbundenen existentiellen Bedrohungen des Lebens auf unserem Planeten, wie wir es kennen.

Link zum Blog von Dr. Irene Quaile-Kersken:

Aktueller Blog: https://iceblog.org

Älterer Blog: https://blogs.dw.com/ice/ 

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