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Wie viel Tourismus verträgt die Antarktis?

Heiner Kubny 30. Juli 2026 | Antarktis, Antarktische Halbinsel, Politik, Tourismus
Während Expeditionsschiffe mit weniger als 500 Passagieren Anlandungen ermöglichen, befahren große Kreuzfahrtschiffe wie die Celebrity Equinox mit über 3.100 Passagieren die Antarktis in der Regel ohne Landgänge. (Foto: Celebrity Cruises)

Der Tourismus in der Antarktis wächst seit Jahren kontinuierlich und mit ihm die Diskussion über seine Auswirkungen auf eine der empfindlichsten Naturlandschaften der Erde. Während Reiseveranstalter betonen, dass Antarktisreisen das Umweltbewusstsein der Gäste stärken und damit langfristig zum Schutz des Kontinents beitragen, sehen einige ehemalige Expeditionsleiter die Entwicklung zunehmend kritisch.

Auslöser der Debatte ist eine aktuelle wissenschaftliche Studie, in der 25 frühere Antarktis-Guides zu ihren Erfahrungen befragt wurden. Viele von ihnen berichten von einem wachsenden moralischen Konflikt zwischen ihrer Leidenschaft für die Polarregionen und ihrer Tätigkeit in einer Branche, deren ökologischen Fußabdruck sie immer stärker infrage stellten.

Die Einhaltung des vorgeschriebenen Mindestabstands gehört zu den wichtigsten Regeln des Antarktis-Tourismus. Auf Robert Island können Besucher Adéliepinguine dennoch aus nächster zulässiger Nähe beobachten. (Foto: Heiner Kubny)

Tourismus auf Rekordniveau

In der Saison 2025/26 reisten nach Angaben der Studie mehr als 120.000 Menschen in die Antarktis oder auf Kreuzfahrten in die Region. Die Zahl der Besucher hat sich in den vergangenen Jahren deutlich erhöht. Sollte dieser Trend anhalten, könnten in den kommenden zehn Jahren jährlich bis zu 450.000 Besucher die Antarktis erreichen.

Mit der steigenden Zahl an Schiffen und Gästen wächst auch der Druck auf die wenigen zugänglichen Anlandestellen entlang der Antarktischen Halbinsel. Zwar gelten dort strenge Vorschriften der International Association of Antarctica Tour Operators (IAATO), dennoch fragen sich Wissenschaftler und Naturschützer zunehmend, ob diese Maßnahmen langfristig ausreichen.

Die Ortelius von Oceanwide Expeditions zählt zu den klassischen Expeditionsschiffen für Reisen in die Arktis und Antarktis. Mit Platz für rund 108 Passagiere eignet sie sich besonders für intensive Naturerlebnisse und Anlandungen in kleinen Gruppen. (Foto: Oceanwide Expeditions)

Klimawandel aus nächster Nähe

Die befragten Expeditionsleiter schildern, dass sie den Wandel der Antarktis über viele Jahre unmittelbar beobachten konnten. Schmelzende Gletscher, ungewöhnlich hohe Temperaturen und häufigere Eisabbrüche seien für sie keine abstrakten wissenschaftlichen Begriffe mehr, sondern sichtbare Veränderungen der Landschaft.

Besonders belastend sei gewesen, dass spektakuläre Gletscherabbrüche von vielen Gästen als Höhepunkt ihrer Reise wahrgenommen wurden, während sie selbst darin deutliche Anzeichen der fortschreitenden Klimakrise sahen.

Ein Hubschrauber und ein Zodiac ergänzen das Expeditionsschiff bei einer Antarktisreise und eröffnen den Gästen Zugang zu Regionen, die auf herkömmlichem Weg kaum erreichbar sind. (Foto: Scenic)

Belastung für Tierwelt und Umwelt

Ein weiterer Kritikpunkt betrifft die Konzentration des Tourismus auf wenige, besonders attraktive Anlandestellen. Nach Einschätzung einiger ehemaliger Guides werden Pinguinkolonien während der Hauptsaison nahezu täglich von Besuchergruppen aufgesucht. Auch wenn Mindestabstände und Besucherlimits eingehalten werden, könne die ständige Präsenz von Menschen zusätzlichen Stress für die Tiere bedeuten.

Hinzu kommt der erhebliche CO₂-Ausstoß, der durch Langstreckenflüge und Expeditionsschiffe verursacht wird. Die ehemaligen Reiseleiter bezweifeln, dass der positive Bildungseffekt solcher Reisen diese Emissionen vollständig ausgleichen kann.

Touristen beobachten von einem Zodiac aus Adéliepinguine am Brown Bluff auf der Antarktischen Halbinsel, eine der bekanntesten Anlandestellen der Region. (Foto: Rosamaria Kubny)

Schwierige Gratwanderung

Die Tourismusbranche verweist dagegen auf den hohen Bildungswert von Antarktisreisen. Viele Besucher kehrten mit einem deutlich stärkeren Bewusstsein für Klimawandel und Naturschutz zurück und engagierten sich anschließend für Umwelt- und Meeresschutzprojekte. Zudem unterliegt der Antarktistourismus strengen internationalen Regeln, die unter anderem Besucherzahlen pro Anlandung, Mindestabstände zu Wildtieren sowie umfangreiche Biosicherheitsmaßnahmen vorschreiben.

Die Autoren der Studie sprechen dennoch von einem zunehmenden Spannungsfeld zwischen Naturschutz und touristischer Nutzung. Einige der befragten Expeditionsleiter entschieden sich schließlich, ihre Tätigkeit aufzugeben, weil sie ihre persönliche Verantwortung für den Schutz der Antarktis nicht länger mit ihrer Arbeit vereinbaren konnten.

Touristen erleben eine der abgelegensten Regionen der Antarktis: Kaiserpinguine vor dem Zeltcamp am Dawson-Lambton-Gletscher, im Hintergrund zwei Twin-Otter-Flugzeuge, die den Zugang zu diesem außergewöhnlichen Reiseziel ermöglichen. (Foto: Heiner Kubny)

Debatte dürfte weiter an Bedeutung gewinnen

Angesichts steigender Besucherzahlen dürfte die Diskussion über die Zukunft des Antarktis-Tourismus weiter an Intensität gewinnen. Während Reiseveranstalter auf verantwortungsvoll organisierten Tourismus als Instrument der Umweltbildung setzen, fordern Kritiker eine grundlegende Debatte darüber, wie viele Besucher der weiße Kontinent dauerhaft verkraften kann, ohne dass seine einzigartige Natur Schaden nimmt.

Für Politik, Wissenschaft und Tourismusbranche bleibt damit eine zentrale Frage offen: Wie lässt sich das Interesse der Menschen an der Antarktis mit dem langfristigen Schutz eines der letzten weitgehend unberührten Ökosysteme unseres Planeten in Einklang bringen?

Heiner Kubny, PolarJournal

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